(07/07 N°12) Makabre Liebesgrüße von Rio Tinto gab es für die Lanzaroteños noch im vergangenen Februar: Arbeiter fanden bei Ausschachtungsarbeiten am Friedhof von Arrecife eine verwitterte Kiste mit 18 Dynamitstangen. Gewicht drei Kilo. Aufschrift: „Explosivos Rio Tinto“. Die stammten wohl noch aus jener Zeit, da die Rio Tinto die Schürfrechte für ganz Lanzarote besaß und wohl die Absicht hatte, hier in großem Stil Basalt und Vulkan-Asche abzubauen. Zum Glück gab Rio Tinto die Abbaupläne auf (sonst wären wohl heute einige Vulkane verschwunden wie in der Rheineifel in Deutschland) und stürzte sich dafür in den Tourismus. Das heißt: Rio Tinto kaufte in den 70ern in großem Stil Küsten-Ländereien auf Lanzarote, durch Umwandlung von Schürfrechten in Kaufoptionen und durch Käufe.
Zuerst gierte Rio Tinto nach den Stränden von Papagayo und Umgebung, aber der damalige Bürgermeister von Yaiza meinte, es sei noch zu früh für Massentourismus. Dafür kaufte die Rio Tinto zehn Millionen Quadratmeter Land (für zwei Pesetas pro qm!) nördlich von Arrecife, heute als Costa Teguise bekannt. Alles, was unter dem Namen Costa Teguise hier steht, begründet sich auf die Rio Tinto, ob das Hotel Las Salinas, viele Appartementanlagen, der Golfplatz und sogar das königliche Anwesen Las Maretas. Das wurde übrigens gebaut für den damaligen Chef der Rio Tinto, den Ex-Ministerpräsidenten Calvo Sotelo, der wiederum (gegen Schürfrechte?) das Anwesen an König Hussein von Jordanien verschenkte, der später das Geschenk an König Juan Carlos weiterleitete. Und noch heute sagen ältere Lanzaroteños, wenn sie nach Costa Teguise wollen, sie gingen oder führen „nach Rio Tinto“.
Übrigens gehört neben vielen anderen Anwesen auf der Insel auch der Ex-Regierungssitz von Lanzarote in La Villa de Teguise, mit den zwei Löwen davor, der Rio Tinto.
Wer aber war oder ist diese Rio Tinto?
Dazu müssen wir jetzt zurück ins Ende des 2. Jahrtausends vor Christus. Damals entdeckten unser aller Vorfahren riesige Kupfervorkommen an den südlichen Abhängen der Sierra Morena im heutigen westlichen Andalusien in der heutigen Provinz Huelva. Seitdem bauten hier Iberer, Karthager und Römer über Jahrtausende Kupfererz ab, verschifften es über den heutigen Rio Tinto bis zum heutigen Hafen Huelva und dann in die damalige bekannte Welt.
Irgendwann aber begann der Stern des Kupfers zu sinken, Eisen war gefragt. Bis auf wenige Schürfer starb der Abbau ab. Bis ein Schwede 1775 kam und dem spanischen Staat die Schürfrechte abluchste. Dann wurden aber englische Investoren aufmerksam, angeführt von den britischen und französischen Bankiers Rothschild, die alle Firmen im Schürfgebiet übernahmen und die „Rio Tinto Limited“ gründeten. Die Firma blühte, es wurden weitere Bergbau-Gesellschaften in aller Welt zugekauft.
Dann kam der spanische Bürgerkrieg. Francos Truppen kamen von Süden und brachten sich sofort in den Besitz der Minen von Rio Tinto. Hitler lieferte Flugzeuge gegen Kupfererz aus Rio Tinto. Als Hitler mehr wollte als Franco lieferte, begann das Dritte Reich, an den Börsen von London und Paris Anteile von spanischen Bergwerken aufzukaufen, vorwiegend Rio Tinto, und das über Scheinfirmen in (Spanisch)Marokko. Doch ein Diktator war schlauer als der andere: Franco verbot Anteile von mehr als 19 Prozent an spanischen Firmen, blockte so die Deutschen ab, verstaatlichte im Falle Rio Tinto aber auch die Engländer.
Das war dann die Spaltung der Rio Tinto. Der englische Zweig, dann ergänzt durch die australische Rio Tinto, wuchs zum heute größten Bergbaukonzern der Welt, berühmt durch Kohle-, Gold- und Diamantenabbau, allerdings ziemlich angefeindet wegen rücksichtsloser Boden- und Menschenausbeutung (in Papua-Neuguinea soll Rio Tinto schon einen Bürgerkrieg ausgelöst haben) und ewig im Kreuzfeuer internationaler Gewerkschaften stehend.
Die spanische Rio Tinto kümmerte derweil vor sich hin. 1954 ganz verstaatlicht, geriet sie unter „verdiente“ Politiker, wurde dann wieder privatisiert, fusionierte mit einer Explosiv- und Chemiefabrik unter dubiosen finanziellen Umständen und nannte sich dann, „ER“ von Explosivos Riotinto und CROS von der Fusionsfirma, eben Ercros* unter dem Namen ist sie noch an der Börse.
Vor zwei Jahren machte die Rio Tinto - die Lanzaroteños lassen sich von dem Namen nicht abbringen - in Costa Teguise noch mal Furore. Weil der Golfplatz mit Besuchern aufgepeppt werden sollte, wollte Rio Tinto das ganze Gelände gegenüber dem Golfplatz bis hoch in den Vulkan von Tahiche zur Hotel- und Appartementbebaung freigeben, aber zum Glück lehnten die Behörden ab mit der Bemerkung, in der Gegend gäbe es schon genug Hotels für Golfer.
Etwas durchaus Positives für Rio Tinto ist dies: Das heutige Dorf Minas de Rio Tinto an den Hängen der Sierra Moreno ist nicht nur die Wiege eines riesigen Konzerns, sondern auch die Wiege des spanischen Fußballs. Hier spielten zum ersten Mal (englische) Minenarbeiter auf spanischem Boden Fußball (spanische Mädchen durften noch nicht zuschauen, weil die archaischen Rauls, Beckhams und Morientes in kurzen Hosen spielten), hier nannte sich der englische Fußballklub auch noch „Balompié Rio Tinto“.
Welch eine etymologische Vergangenheit: Engländer spielten „Balompié“ (spanisch für Fußball, „Ball am Fuß“), während der spanische Fußball heute anglisiert Football heißt, leicht hispanisiert allemal aber Futbol.
Auch hier:
Rio Tinto lässt grüßen!
Die multinationale Bergbaugesellschaft Rio Tinto wurde 1873 gegründet. Sie ist mit einem Gewinn von 5,2 Mrd. US$ (2005) bei einem Umsatz von 27,2 Mrd. US$ eines der größten Abbauunternehmen der Welt. Die Firma hat ihre Hauptsitze in London und Melbourne und beschäftigt weltweit etwa 32.000 Mitarbeiter. Webseite: www.riotinto.com