(07-10-2009) „Coge la mangera!, sube! sube!, más acá!...” Es ist Sonntagnachmittag. Etwa zehn junge Männer laufen konzentriert auf ein großes rotes Feuerwehrauto zu und nehmen ihre Plätze ein. Jeder Handgriff sitzt. Jeder weiß, was er zu tun hat. Jeder trägt dieselbe Uniform: Weißer Helm, rote Hose, blaues Baumwollhemd mit rotem Streifen und der Aufschrift „bomberos“. Darüber prangt ein goldenes Feuerwehrwappen. Die Sonne steht im Zenit und heizt der kleinen Truppe ordentlich ein, während der 45jährige René van Leeuwen mit seinen Jungs diese Übung durchzieht. Wenn die Männer von der freiwilligen Feuerwehr in Puerto del Carmen auf Lanzarote den Ernstfall proben, kennt ihr Chef René kein Pardon. Der ehemalige Bergungs- und Rettungstaucher weiß, dass die antrainierte Disziplin in diesem Job Leben rettet. Das müssen die jungen Burschen lernen. Erst als er entspannt seinen Helm abnimmt und den Jugendlichen lobend zunickt, verlassen sie die ihnen zugewiesenen Plätze und machen es sich in Ihrem Vereinshaus mit einem Erfrischungsgetränk gemütlich.
René van Leeuwen ist offiziell „Jefe de Voluntarios y Formador Protección Civil”, also verantwortlich für die Volontäre der Jugendfeuerwehr und Ausbilder des Zivilschutz in Puerto del Carmen. Damit hat sich der symphytische Holländer nicht nur auf eine Menge Arbeit, sondern auch auf eine große Verantwortung eingelassen. 147 Einsätze fuhr er mit seiner Freiwilligentruppe im vergangenen Jahr. Das bedeutet fast jeden dritten Tag einen Einsatz. Mal nachts um drei, mal morgens um fünf, nie weiß man, wann ein Anruf aus der Einsatzzentrale kommt. „Eine Ehefrau muss da schon mitspielen“, lacht René van Leeuwen, der diesbezüglich Glück hat. Seine Frau Dea hat nicht nur Verständnis für seine Passion, oft genug kommt sie sogar mit ins Vereinsheim um zu helfen. Dasselbe gilt für Töchterchen Lobke, die Papas Leidenschaft für die Feuerwehr geerbt hat und stolz wie eine Schneekönigin ist, wenn sie neben ihrem Vater im Löschwagen sitzen darf.
Eigentlich müsste sich René so viel Stress nicht mehr antun. Bereits vor Jahren verkaufte er seine Tauchschule in Puerto del Carmen und gibt als Beruf inzwischen „Rentner“ an. Doch Nichtstun ist seine Sache nicht. Per Zufall kam der gelernte Bergungs- und Rettungstaucher zum Zivilschutz, als 1986 die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, weil er einen Mann aus seinem Auto holte, der in seinem Wagen im Hafen abgesunken war. Van Leeuwen war zufällig in der Nähe, sprang ins Wasser und befreite den Mann. Polizei und Feuerwehr staunten natürlich nicht schlecht und als sie erfuhren, dass René zehn Jahre lang Bergungstaucher war, wurde er ganz offiziell gefragt, ob er die Polizeitaucher und später auch die Taucher vom Roten Kreuz nicht schulen könne. Gefragt. Getan. Und noch während René seine Kenntnisse an die Einsatzkräfte in Arrecife weitergab, rief ihn der Bürgermeister von Tías an und fragte, ob er der dortigen Feuerwehr nicht ebenfalls etwas helfen könne. „Erste Hilfe Kurse, Tauchkurse und Hygiene am Arbeitsplatz sind meine Spezialgebiete“, berichtet René. Und so kann es durchaus vorkommen, dass ein großer blonder Holländer vorbeikommt, wenn in Puerto del Carmen die Küche eines Restaurants überprüft oder neu abgenommen werden muss. „In Lanzarotes „Rettungswelt“ bin ich bekannt wie ein bunter Hund“, grinst René und man kann ihm sein Engagement, aber auch seinen Stolz über das bisher Erreichte anmerken.
Und stolz können er und seine Kameraden wirklich sein. Nicht nur auf die vielen freiwilligen Einsätze, die René und seine Kollegen in den vergangenen vier Jahren bereits hinter sich gebracht haben, sondern auch darauf, dass es überhaupt eine Freiwillige Feuerwehr in Puerto del Carmen gibt. Als er die mit seinen Kollegen 2005 gründete, mussten die Floriansjünger noch aus Arrecife anrücken, wenn in Puerto del Carmen oder auf dem Gemeindegebiet von Tías ein Feuer ausgebrochen war. Bis zu 40 Minuten und länger konnte das dauern, bis das erste Wasser aus den Spritzen strömte.
„Das ist natürlich viel zu lange. Eine eigene Feuerwehr ist für eine Stadt erst ab einer bestimmten Einwohnerzahl Vorschrift und da liegt Puerto del Carmen eben noch drunter“, weiß René. Darum hat er zusammen mit einer Handvoll Kameraden vor vier Jahren die Freiwillige Feuerwehr in Puerto del Carmen gegründet. Heute sind 35 Freiwillige, darunter auch drei Frauen, ständig in Bereitschaft um auszurücken, wenn Not am Mann ist. Um das logistisch und finanziell überhaupt stemmen zu können, ist die „Asociación de Bomberos Voluntarios de Tías Lanzarote“, wie der gemeinnützige Verein offiziell heißt, selbstverständlich auf Hilfe von offiziellen Stellen und aus der Bevölkerung angewiesen.
Man mag kaum glauben, was dieser Verein alles aus eigener Tasche finanziert. Zum Beispiel die ersten beiden Löschwagen des Vereins. Beide hat René aus seiner eigenen Tasche finanziert. Und auch wenn er sie beide gebraucht, und damit natürlich viel günstiger, kaufen konnte, so schlugen sie doch insgesamt mit fast 50.000 Euro zu Buche. Dazu kommt der Einsatzwagen, die Büroausstattung, Kleidung und Ausrüstung für die Feuerwehrleute, der Unterhalt und die Wartungskosten für Geräte und Fuhrpark, Benzin, die Betten für den Ruheraum des Bereitschaftsdienstes, und, und, und…
Von Bürgermeister Jose Juan Cruz Saavedra hat der Verein das Gebäude in der Calle César Manrique zur Verfügung gestellt bekommen, welches nun als Vereins- und Spritzenhaus genutzt wird. Dafür ist René van Leeuwen auch sehr dankbar und hat die neuen Möglichkeiten auch gleich genutzt, um seine jüngste Idee zu verwirklichen und eine Jugendfeuerwehr aufzubauen. 15 Jugendliche aus schwierigem sozialen Umfeld nimmt die „Asociación de Bomberos Voluntarios de Tías Lanzarote“ nun jährlich unter ihre Fittiche, um ihnen eine Aufgabe, Halt, eine Perspektive und natürlich auch ein gefestigtes Umfeld zu bieten. Und van Leeuwens Konzept geht auf: „Alle Jungs, die zu uns kommen, wollen natürlich gleich im Feuerwehrauto ganz vorne sitzen. Das macht Eindruck bei den Mädels“, grinst er. „Aber sie lernen schnell, dass das nicht so einfach ist. In einem Feuerwehrauto hat jeder Mann, je nachdem welchen Platz er einnimmt, eine ganz spezifische Aufgabe. Das muss er trainieren und die muss er dann 100prozentig erfüllen. Erst wenn wir ganz sicher sind, dass jemand seinen Job beherrscht, kann er eingesetzt werden und darf bei uns mitfahren. Das wissen die Jungs. Und sie strengen sich an, um dabei sein zu dürfen, da können Sie sich drauf verlassen“, betont van Leeuwen in seiner Rolle als Jugendbeauftragter.
Mit seinem Jugendprojekt, das helfen soll Jugendliche von der Straße zu bringen und ihnen aufzuzeigen, wie viel Spaß eine sinnvolle Aufgabe machen kann, hat van Leeuwen die Aufmerksamkeit der lanzarotenischen Offiziellen einmal mehr auf seinen Verein gezogen. Dennoch, die Hilfen, die der Verein von der Gemeinde bekommt, sichern sein Bestehen nicht. Die Vereinsmitglieder müssen enorme Anstrengungen unternehmen, um genügend Geld für ihr Projekt zusammenzubringen und sind dringend auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. So veranstalten die Feuerwehrleute nicht nur Feste, auf denen sie ihr Können demonstrieren und mit dem Verkauf von Getränken und kleinen Leckereien etwas Geld einnehmen sondern sie nehmen auch gerne gebrauchte Sachen entgegen, die sie auf Flohmärkten weiterverkaufen, um mit dem so eingenommen Geld ihr eigentliches Ziel zu verfolgen: Helfen und Leben retten!
Wenn Sie der „Asociación de Bomberos Voluntarios de Tías Lanzarote“ helfen möchten, so können Sie dem Verein natürlich eine Spende zukommen lassen. Sein Spendenkonto ist bei der Banco Popular und lautet 0075-1168-90-060-01212-20 oder aber Sie besuchen die Floriansjünger auf ihrem großen Feuerwehrfest am 9. Oktober auf der Plaza de Naciones in Puerto del Carmen. Ab 15:30 Uhr zeigen die Jungs dort nicht nur ihr Können, sondern sie haben Musikgruppen engagiert, richten eine Schaumparty für Kids aus und vieles mehr. Und jeder, der gerne mal am Steuer eines Löschfahrzeuges sitzen möchte, kann dann mal für ein paar Minuten Feuerwehrhauptmann sein.
Wer nicht nur vom Feuerwehrmanndasein träumen möchte, sondern aktiv helfen, der sollte sich bei van René van Leeuwen melden. Denn die ehrenamtlichen Bomberos freuen sich über jedes neue Mitglied im Verein. Jeder, der das 55. Lebensjahr noch nicht erreicht hat, körperlich fit ist und einigermaßen gut Spanisch spricht, kann aktiv bei der Freiwilligentruppe helfen und auch Frauen sind herzlich willkommen. Wer älter ist, kann bei der Logistik mitarbeiten und natürlich bei den vielen anderen Aktivitäten des Vereins. René van Leeuwen freut sich über jeden Anruf (Telefon: 928 94 94 94) und natürlich über Ihren Besuch beim großen Feuerwehrfest am 9. Oktober.
Viel Wissenswertes über die Freiwillige Feuerwehr von Puerto del Carmen finden Sie auch im Internet auf der Website des Vereins www.bomberostias.org