19-02-2012 - Auf Lanzarote ist der Karneval eine Familienangelegenheit. Die Männer bauen phantasievolle Karnevalswagen, die Mütter und Großmütter nähen die Kostüme für alle Familienmitglieder und die Kleinen verbreiten während der tollen Tage Frohsinn auf den Straßen der Insel. Lanzarote37° beobachtete eine lanzarotenische Familie bei ihren Vorbereitungen für den großen Karnevalsumzug am Rosenmontag in Arrecife.
Das Haus der „Drei kleinen Schweinchen", ein Viererbob und das Auto der Geisterjäger von „Ghostbusters" – diese drei Objekte haben nur eines gemeinsam: Die Familie Mena baute sie als Karnevalswagen für die cosos (Festumzüge) auf Lanzarote. Mit strahlenden Augen, wie denen kleiner Kinder unter dem Weihnachtsbaum, präsentieren uns die beiden Brüder Roberto (41) und Ángel (43) im Arrecifer Viertel Altavista das Haus und den Bob. Während das Haus draußen untergestellt ist, wird der Bob gar bei ihrem Onkel im Nachbarraum des Wohnzimmers aufbewahrt. Hier greift Ángel gleich zum Anschubhebel, um uns vorzuführen, wie er als Sportgerät auf der Bobbahn zu benutzen wäre. Da wir auf Lanzarote allerdings wenig mit winterlichen Motiven anfangen können, ist er als Hommage an die jamaikanische Bobmannschaft der Winterspiele in Calgary 1988 gestaltet: Palmenmotive auf der Innenseite, kleine aufgeklebte Fische, alles, was eher unserer hiesigen Umgebung ähnelt, anstatt in ein Skigebiet zu gehören.
Aus einem Peugeot 404 wird
das Ghostbuster-Gefährt
Nach dieser kurzen Vorführung der Gefährte vergangener Jahre folgen wir den beiden, auf einer Schotterpiste stadtauswärts, zu ihrer Werkhalle. Dort bauen sie mit viel Liebe und Detailtreue ihren aktuellen Wagen. Ausnahmsweise wiederverwerten sie dieses Mal nicht die Wagen der vergangenen Jahre oder bauen ein Chassis um einen Einkaufswagen herum, das die Basis für opulente Aufbauten darstellt. Ihnen steht ein richtiges Fahrzeug zur Verfügung: ein etwa 40 Jahre alter, fünftüriger Peugeot 404 Kombi in weiß. Das genaue Alter ist nicht bekannt, da das Auto, das lange Jahre bei einem weiteren Bruder der beiden in der Garage stand, keine Papiere mehr hat. Der Bau dieses Modells wurde aber 1971 eingestellt. Durch die Umsetzung eines großen Ideenrepertoires entsteht aus ihm in teilweise mühevoller Kleinarbeit ECTO-1, das Fahrzeug der Ghostbusters.
Auch wenn in der Familie alle jedes Jahr Feuer und Flamme für das neue Projekt sind, sind von den sieben Geschwistern hauptsächlich Roberto und Ángel diejenigen, die den Bau des neuen Wagens aktiv voranbringen. Dafür nehmen sie das Opfer des sich apartado-Fühlens, abgelegen vor der Stadt, in Kauf. Lieber arbeiteten sie mit Familie und Freunden um sich herum. Doch in diesem Fall schaffte es glücklicherweise unser Redaktionsteam, Lebendigkeit in die Werkhalle zu bringen, wofür uns ausdrücklich gedankt wurde.
Wie bei jedem Wagen darf es dem Peugeot auf keinen Fall an Lautsprecheraufbauten für die musikalische Beschallung während des Umzugs fehlen. Wie gut, dass das Original-Filmfahrzeug eine Vielzahl an Equipment für die Geisterjagd auf dem Dach hatte. In den nachgebauten Attrappen verstecken sich insgesamt vier Lautsprecher. Ebenso wenig kann kein Wagenbauer auf Glasständer für flüssige Nahrungsmittel verzichten oder den „Kühlschrank" außer Acht lassen. Für letzteren wird beispielsweise eine Schüssel in einen Teil des Vehikels integriert, wo während der Umzüge, mit Eiswürfeln gefüllt, diverse Getränkeflaschen auf niedriger Temperatur gehalten werden.
Der Staubsauger wird zum Protonenstrahler
Das Auto muss nach seinem jahrelangen Aufenthalt in einer Garage wieder fahrtüchtig gemacht werden: Bremsen, Reifen, alles, damit während des Umzugs größtmögliche Sicherheit garantiert ist. Auch die Generalüberholung des Motors ist notwendig. Dennoch wollen wir in der frühen Phase der Arbeit, wo wir das Auto zum ersten Mal sehen, nicht so ganz glauben, dass dieser Wagen jemals wieder anspringen würde. Dabei beteuert Roberto, der Motor brumme genüsslich. Den Beweis bleibt er uns zunächst schuldig. Dann aber tatsächlich: Bei einem weiteren Treffen, nachdem das fertiggestellte Auto nach Altavista gefahren worden war, startet Ángel für uns in seinem Hinterhof den Motor. Zögerlich, mit Gestotter, läuft er langsam an, tuckert hiernach aber umso kräftiger und stabiler.
Bis wenige Stunden vor dem ersten coso arbeiten Ángel und Roberto an ihrem Werk. In der letzten Phase widmen sie sich den Protonenstrahlern, den Rucksäcken der Geisterjäger zum Aufsaugen der feindlichen Kreaturen. Auf alte Wasser- und Benzinkanister kleben und schrauben sie diverse Schrottteile, die sie in ihrer Werkstatt oder im Haushalt übrig hatten. Eine gute Schicht schwarze Farbe komplettiert das Ganze. Als ergänzende Werkzeuge dienen ausrangierte Rotationsbürsten von Staubsaugern, andere Bürstenköpfe, Tischstaubsauger, die mit dem Ghostbusters-Logo beklebt wurden – eben alles wie im Film.
Parapsychologen und grüne Gespenster
Um den Karnevalsspaß abzurunden, brauchen alle Familienmitglieder einfallsreiche Kostüme. Diese fertigt seit einigen Jahren Ángels Frau Carmen Morales Tabares (40) in stundenlanger Detailarbeit an der Nähmaschine selbst. Passend zum aktuellen Karnevalswagen ziehen die Männer braune Overalls an, die denen der berühmten Parapsychologen nachempfunden sind. Die Kinder der Familie geben als kleine grüne Gespenster die Feinde – wenn auch sehr viel niedlicher als im Film. Sie tragen sackähnliche Kleidchen in grellgrün, mit denen sie zu drolligen, knubbeligen Geistern mutieren. Hinzu kommt eine Kapuze in derselben Farbe, die mit aufgenähten Augen und Mündern den kleinen Spukgestalten auch von hinten ein Gesicht geben. Carmen gestaltet die Kostüme mit sehr viel Liebe, aber sie gibt zu, dass ihr das Nähen einiges abverlangt. Zwar lernte sie es von ihrer Großmutter, doch näht sie nur vor Karneval. Deswegen muss sie so früh wie möglich anfangen, damit sie mit der Arbeit nachkommt. Für gewöhnlich fängt sie kurz nach Weihnachten an, denn bei den großen Familientreffen wird alles für den Karneval geplant. Dieses Jahr hatte sie aber Glück, denn die Kinderkostüme waren sehr einfach und pro Kind war das Kostüm nach zwei Tagen fertig. Und für die Männer konnte sie sogar auf fertige Overalls zurückgreifen, die sie mit verschiedenen Aufnähern aufpeppte. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so: Für die Schweinchen nähte sie einen rosafarbenen Overall und gestaltete aus Pappmaché riesige Köpfe. Die Overalls für die Bobfahrer wurden mit gelben und grünen Textilstreifen als jamaikanische Flagge aufwendig benäht. Selbst das Firmenlogo eines Sportartikelherstellers malte Carmen auf Stoff auf und nähte es an. Stolz ist sie darauf, dass viele Freunde und auch Feiernde ihre Arbeiten als gekauft angesehen haben, weil sie so originalgetreu und professionell aussahen.
Und sind der letzte Knopf angenäht, die Farbe am Gefährt restlos getrocknet, die Familienmitglieder aufwendig maskiert, dann geht es lachend und tanzend hinaus auf Lanzarotes Straßen. Diesen Spaß lässt sich dann übrigens kein einziger Mena entgehen.
Karnevalstermine 2012 auf Lanzarote
Der Hauptkarneval auf Lanzarote findet in der Inselhauptstadt Arrecife statt. Dort wird zu den offiziellen Terminen zwischen dem 17. und 22. Februar gefeiert. Der Umzug (coso) zieht montags ab 18 Uhr über die Rambla Medular, von der Inselbibliothek bis zum Cabildo; die berühmte Sardine wird am Aschermittwoch verbrannt.
Weitere wichtige Karnevalsfeierlichkeiten bieten Tinajo am 2. und 3. März sowie eine Woche später, 9. und 10. März, die Gemeinde Haría. Die feierlichen Umzüge beginnen samstags am späteren Nachmittag.