Seit 1980 gibt es auf Lanzarote ein von den Behörden genehmigtes FKK-Gebiet: Charco del Palo im Norden der Insel. Ziemlich einsam an der Ostküste gelegen, ist der Charco noch immer eine Idylle in purer Natur, aber auch mit Problemen behaftet. Eine Analyse.
Zwischen dem „centro de salud“ in Mala und dem Restaurant „Don Quijote“ geht es ab in Richtung Meer. Und wenn man nach einiger Zeit meint, hier sei die Welt zu Ende und man sei falsch, dann erscheinen weiße Dächer, dann Häuser und ein Nackter repariert gerade sein Auto - dann ist man doch richtig: hier ist Charco del Palo, das einzige genehmigte FKK-Refugium auf Lanzarote.
Die Geschichte dieser touristischen Urbanisation, übrigens hervorragend erzählt in einer neueren Chronik von Claus Bulling (siehe Rezension), verlief kurz gefasst so:
Im Jahre 1970 kaufte Gregor Kaiser, in Bad Ems im Baugeschäft tätig, einigen Bauern hier die unfruchtbar gewordenen und versandeten Kakteenfelder ab und ließ die ersten Häuser bauen. Nach mehreren Versuchen, deutsche Reiseunternehmen in diese damals kleine Siedlung zu locken, zeigte 1980 die Firma Oböna, das große FKK-Touristikunternehmen, intensives Interesse. Es wurde die Genehmigung sowohl von der kanarischen Regierung als auch von der Gemeinde Haría erwirkt, hier FKK betreiben zu dürfen. Und Oböna stieg vertraglich in Charco del Palo ein, übernahm Häuser und Appartements in sein Programm und baute selbst: die so genannte „alte“ Oböna -Anlage und die „neue“ direkt aufs Meer ausgerichtet. Es gibt aber noch andere Anbieterfirmen: So die „Castillo de Papagayo“ der Gründerfamilie Kaiser, die Anlage „Las Piteras“ im Süden und viele, viele kleinere Vermieter, deren Anlagen teilweise auch Pools haben und sehr beliebt sind.
Die FKK-Anfänge waren noch riskant, denn die Bevölkerung der umliegenden Dörfer nahm das natürlich vereinzelt mit Befremden auf. Heute, wo FKK fast selbstverständlich ist, kommen auch Spanier nackt an Charcos Strände. Und heute ist aus dem kleinen paradiesischen Fleckchen Erde eine Siedlung mit ungefähr 135 Häusern und einigen größeren Vermietungsanlagen geworden. Dennoch ist das Paradies geblieben: Es gibt keine höheren Häuser wie in den südlichen Touristenorten, es gibt keinen Rummel wie dort unten und es gibt keine Massen von Touristen. Und die Landschaft ist nicht verbaut. Hier ist der Himmel noch blau, die Landschaft schwarz von Lava und Mauern, und das Grün der Kakteen und das Weiß der Häuser - ein Traum von Farben und ein Eldorado nicht nur für Maler, sondern für alle, die eine solche Landschaft zu würdigen und zu genießen wissen.
Holen wir uns zurück aus wahr gewordenen Träumen: Weil viele Leute an diesem Glück teilhaben wollen, wird es an den drei Badegelegenheiten im Charco allerdings manchmal etwas eng, aber Nudisten verstehen es, sich zu verteilen. So kann - wer möchte - nördlich und südlich der drei Strände ausweichen.
Diese drei Badegelegenheiten sind der „Entenpool“, der „Affenfelsen“ und die „Padro-Bucht“. Für den, der Charco noch nicht kennt: Die Badestellen liegen alle windgeschützt zwischen den Lavafelsen in Senken am Meer. Der „Entenpool“, früher noch deutsch als „Entenpfuhl“ bezeichnet (und scherzhaft damals auch als „Sündenpfuhl“), wurde künstlich angelegt. Eine Mauer trennt ihn vom Meer, aber Durchlässe führen frisches Meerwasser zu. Ringsum wurden Sandterrassen angelegt. Weil die Nichtschwimmer hier herumpaddelten, kam der Vergleich mit den Enten zustande.
Der „Affenfelsen“, ein beliebtes Ziel auch von Tauchern, kam zu seinem Namen, weil Bräunungsfanatiker immer an den Felsen standen, um zur Gänze braun zu werden. Zum Meer hinunter geht es hier über steile Treppen und ins Wasser über Leitern.
Die „Padro-Bucht“, auch Gezeitenbecken genannt, ist ein Naturbecken, das bei Ebbe leer läuft. Weil das Becken durch quer davor liegende Riffe geschützt ist, ist das Wasser hier ruhiger.
Diese drei Badegelegenheiten sind tagsüber auch die Treffen der „Charco-Leute“. Dann gibt es noch die Gastronomie im Ort, nämlich vier Lokale: „La Tunera“, das älteste, gleich am Ortseingang, „Peters Pub“ im Centro Comercial - heute heißt der Pächter aber Rainer und kommt aus Sachsen. Gegenüber davon das „Tropical“ von Yenny und Manolo, und am nördlichen Ortsrand das „Romántica“. Wenn man die neue Cafetería in der großen Oböna-Anlage am Meer, die den Oböna-Gästen vorbehalten ist, dazurechnet, sind es also fünf Gastronomie-Betriebe, die sich die leider weniger werdende Zahl von Gästen teilen müssen.
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Und da sind wir bei den Problemen von Charco del Palo. Eines davon ist die All-Inclusiv-Taktik der großen Hotels in Costa Teguise und Puerto del Carmen. Langjährige Gäste des Charco gehen mehr und mehr dazu über, dort All-Inclusiv zu wohnen, und zum Nacktbaden mit dem Auto zum Charco zu kommen und abends früh wegzufahren, denn das Abendessen im Hotel darf ja nicht verpasst werden. So sind denn auch für die Vermieter (vom größten, also der Oböna, bis hinunter zum Privatvermieter eines einzelnen Appartements oder Hauses) die großen Zeiten der Vollauslastung vorbei. War vor Jahren über Ostern, Weihnachten und Silvester immer alles ausgebucht und die Lokale bis weit nach Mitternacht voll, so haben All-Inclusiv, der teure Euro sowie die teurer gewordenen Lebenshaltungskosten die Besucherzahlen herbe gedrückt. Folge: Jetzt beginnt das „Sommerloch“, in dem schon früher wenig Touristen kamen und das sonst im Juli/August gähnte, schon vor Ostern.
Ein weiteres Problem ist die Überalterung des Publikums. Die alten Kämpen aus der FKK- und Campingbewegung sterben aus, und jüngere FKKler bleiben weg, weil es kaum Sport- oder Unterhaltungsmöglichkeiten gibt. Größere derartige Aktivitäten aber würden die Residenten ärgern, denn die sind froh, hier Ruhe zu haben. Ein Spagat zwischen beiden Positionen ist also schwierig. Und die Gemeinde Haría, zu der Charco gehört, kann in die Weiterentwicklung gar nicht eingreifen, denn der Gemeinde gehört hier kein Quadratzentimeter Boden. Steuern kann die Gemeinde also nur über Bauleitpläne und über Baugenehmigungen oder Nichtbaugenehmigungen. Und auch da ist kein wahres System zu erkennen. Immerhin hat sich der jetzige Bürgermeister José Torres Stinga ausdrücklich für die Förderung des sanften Tourismus einschließlich des Naturismus ausgesprochen.
Wiedererwecken könnte das touristische Leben vielleicht die Abkehr von der ausschließlichen Konzentration auf die FKK-Kundschaft. Vielleicht sollte man sich als zweites oder drittes Bein der Taucherkundschaft zuwenden oder den Gleitschirmfliegern, die zu gewissen Zeiten den Himmel über den Bergen westlich bevölkern. Das alles könnte sich gegenseitig vertragen. Aber es bedarf einer mutigen Person, das zu bewerkstelligen. Versucht worden ist das alles schon einmal, allerdings nur halbherzig.
Eine Verjüngung des Charco ist im Augenblick aber fast nur von neu zuziehenden Residenten zu erwarten. Inzwischen bröckelt auch die „Übermacht“ der deutschen Residenten. Es gibt erfreulicherweise seit Jahren schon eine Zuzugsbewegung vor allem von Engländern, Österreichern, Schweizern und Niederländern, Norwegern und sogar Spaniern. Bei letzteren kommen sogar junge Familien mit Kindern.
Die Residenten, die hier ständig wohnen und wohnen wollen, haben seit Jahren und bis heute - und wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit - auch andere Probleme, nämlich die mit der Telefónica. Trotz weltweit riesenhafter Möglichkeiten in der Telekommunikation ist diese Institution nicht in der Lage, Charco del Palo mit der Welt zu verbinden. Es gibt nur eine Handvoll Telefon-Standleitungen, für die ersten Siedler. Alle anderen hängen an einem Funknetz, dessen Kapazität schon erschöpft ist und mit dem man nicht effektiv ins Internet kommt. So gibt es die Kuriosität, dass junge ökologische Spanier, die gegen einen Handy-Turm im Charco opponieren, genau auf diesen angewiesen sind, weil sie sonst überhaupt nicht telefonieren können. Fragt sich nur, wann die Telefónica im Charco Buschtrommeln verteilen lässt.
Um alle diese Fragen und andere zu regeln, wurde vor Jahren schon eine Eigentümer- oder Bürgervereinigung gegründet. Vor allem, um auch den Kontakt zum Ayuntamiento zu halten. Nach Anlaufschwierigkeiten funktioniert das jetzt gut. Es gibt geregelte Schnittabfall-Abfuhrzeiten (welch ein Wort!) und ähnliches.Ein Dorffest im Herbst (bislang waren es drei) führen alle, die gerade da sind, zusammen. Aber auch Bürger aus Guatiza, Mala und Arrieta stoßen dazu, und es werden Bekanntschaften und Freundschaften geknüpft.So ist Charco endlich in Lanzarote angekommen.
Das Buch: Charco del Palo
Wie Charco wuchs.
Beinahe hätte die Küstensiedlung, die heute Charco del Palo heißt, in der Gegend von La Santa gelegen. Aber 1969, als sich wagemutige deutsche Investoren aus der Gegend von Bad Ems aufmachten, auf Lanzarote Grund für eine Feriensiedlung zu suchen, zerschlug sich der Landkauf dort. Zum Glück entdeckten sie dann nahe den Sanddünen von Mala ein neues Objekt. Hier kam das Geschäft zustande.
Unter abenteuerlichen Umständen wurde erst 1970 ein Haus, dann nach und nach mehrere gebaut. Heute sind es um die 150 Häuser, die hier stehen.
Dies alles und viel mehr schildert Claus Bulling, seit langen Jahren im Charco ansässig, in seiner Chronik „Charco del Palo - Geschichte einer Urbanisation“ auf spannende Weise und gespickt mit alten Fotos.
Wer ständig Gast in der FKK-Siedlung ist, oder gar hier wohnt, oder wer sich überhaupt für Details der Geschichte Lanzarotes interessiert, für den ist sie ein Leckerbissen. Erhältlich ist die Chronik im Autoverleih im Centro Comercial in Charco del Palo (12,50 Euro).
(05/07 N°10)