Die Kristall-Mittagsblume, (Mesembryanthemum crystallinum L.), auch Eiskraut oder Sodapflanze genannt, ist ein ganz besonderes Kraut. Obwohl diese Pflanze ursprünglich aus der Kap-Region Südafrikas stammt, ist sie dennoch mit der Geschichte Lanzarotes verbunden wie keine andere. Das „barilla“ oder „escarcha“, wie die Einheimischen diese Pflanze auch nennen, hat den Menschen auf den Inseln nicht nur als Nahrung gedient, sondern ihnen auch für ein paar Jahrzehnte - solange das Kraut zur Seifenherstellung exportiert werden konnte – ein klein wenig Wohlstand gebracht. Damit war es fast schlagartig vorbei, als es Ende des 19. Jahrhunderts gelang, Seife industriell in großen Mengen herzustellen. Doch die Kristall-Mittagsblume kann noch mehr, als nur den Grundstoff Natriumcarbonat für die Seifenherstellung zu liefern.
Vom rohen Soda zur sanften Salbe
Es war nur eine relativ kurze Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in welcher die Kanaren und da ganz besonders Lanzarote und Fuerteventura vom Export der Kristall-Mittagsblume prosperieren konnten. Es war jene Zeit, als es in Frankreich plötzlich modern wurde zu waschen, und Seife noch aus Asche und Wasser beziehungsweise etwas später aus Fett und Soda hergestellt wurde. Und die beste rohe Soda, auch Barilla genannt, lieferte, getrocknet und verbrannt, die Kristall-Mittagsblume. Ihre Asche enthielt 40 Prozent kohlensaures Natron. Das war viel im Gegensatz zu anderen sodahaltigen Pflanzen, die es höchstens auf 20 Prozent, manche gar nur auf zwei bis vier Prozent bringen.
Endlich hatten die Insulaner etwas gefunden, was auf der Insel wie Unkraut wuchs, dazu kaum Wasser und noch weniger Pflege brauchte, dafür aber umso mehr Geld brachte.
Doch mit dem Geldverdienen sollte es recht schnell wieder vorbei sein. Die immer größere Nachfrage nach Waschmitteln und Seifen in Mitteleuropa spornte den Forschergeist dort an, und als Ernest Solvay 1865 die künstliche Sodaherstellung, die der Franzose Nicolas Leblanc bereits 1790 erfunden hatte, nochmals revolutionierte, war man auf die Sodapflanze der Kanaren nicht mehr angewiesen. Der Export fiel buchstäblich von einem Tag auf den anderen in sich zusammen und die Kristall-Mittagsblume wieder in einen tiefen Dornröschenschlaf.
Feuchthaltefaktor dank Trockenstress
Bis 1994 die Krankenschwester Waltraud Marschke die Kristall-Mittagsblume als Heilpflanze wiederentdeckte. Marschke begann auf der Finca des Anthroposophischen Zentrums von Lanzarote mit dem glitzernden Kraut zu experimentieren: Sie sammelte die sukkulenten, fleischigen Blätter dieser Pflanze, die ihren Stoffwechsel perfekt an die intensive Sonneneinstrahlung, die Trockenheit und den Salzstress angepasst hat, presste den frischen Pflanzensaft aus und wendete ihn unverdünnt, oder als Auszug in Bädern, bei den verschiedensten Hautkrankheiten an. Außerdem entwickelte sie zusammen mit Apothekern eine sehr effektive Salbe mit Auszügen aus der Kristall-Mittagsblume.
Der Erfolg ist erstaunlich. Kleinkinder, geplagt von Neurodermitis, die ihr weinend und sich ununterbrochen kratzend, vorgestellt wurden, konnten bereits nach dem ersten vorsichtigen Bad mit einer Lösung von Mesembryanthemum crystallinum L. ruhig und entspannt einschlafen und waren nach einer 14tägigen Badekur weitgehend frei von Symptomen.
Jungbrunnen für die menschliche Haut
Ermutigt durch solcherlei Erfolge, regte Waltraud Marschke in der Apotheke des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke die Herstellung einer Salbe aus den Extrakten von Mesembryanthemum crystallinum L. an und überzeugte auch die Forscher der Wala Heilmittel GmbH von der Wirksamkeit der Pflanze, die die Extrakte der widerstandsfähigen Mittagsblume in die Produktlinie der Dr. Hauschka Sonnenschutzprodukte einarbeiteten.
Hautschädigungen nach Strahlentherapien, Neurodermitis und Psoriasis, Juckreiz, Schmerz, Schwellungen und Rötung der Haut, das sind die Symptome, die Waltraud Marschke mit den Extrakten von Mesembryanthemum crystallinum L. behandelt und überraschende Erfolge erzielt, die, nachdem Schwester Waltraud 1998 ihr Wissen publizierte, immer weitere Kreise ziehen.
Was aber ist so besonderes an der Kristall-Mittagsblume, deren Name sich aus dem griechischen Wörten Mesembria = Mittag und anthemon = Blüte ableitet und deren Familiennamen „Aizoazeae", vom griechischen Wort „aizoon" = ewig lebend, die Robustheit dieser Pflanze bezeichnet? Die Antwort ist: Sie hält tagsüber die Luft an.
Überleben in der Hitze
Normalerweise nehmen Pflanzen am Tag Kohlendioxid auf, um es mit Hilfe von Sonnenlicht in Zucker und Sauerstoff umzuwandeln. Pflanzen atmen durch Öffnungen auf der Blattunterseite, durch die sie allerdings auch Wasser verlieren. Die Kristall-Mittagsblume verschließt tagsüber diese so genannten Spaltöffnungen und atmet bzw. öffnet sie erst nach Sonnenuntergang. Das aufgenommene Kohlendioxid bindet sie an ein Molekül, das sie erst am nächsten Morgen via Photosynthese zu Zucker und Sauerstoff weiterverarbeitet.
Das ist aber noch nicht alles. Die Mittagsblume hat die Eigenart, Salz in sich zu sammeln. Dieses Salz löst in der Pflanze die Produktion von Fruchtsäuren aus. Und diese ergeben wiederum zusammen mit Zuckeralkoholen, reichlich vorhandenem Magnesium und der Aminosäure Prolin einen natürlichen Feuchthaltefaktor, weil sie nämlich alle zusammen die Fähigkeit besitzen, Wasser aus der Luft zu binden. Besonders eindrücklich lässt sich dies an abgeschnittenen Zweigen beobachten. Erst nach Wochen trocknen sie aus!
Die rote Blattfärbung ergänzt den Hitzeschutz. Die Farbe stammt von so genannten Betacyanen, Substanzen, die Licht absorbieren und damit einen natürlichen Sonnenschutz verleihen.
Wie die menschliche Haut
Vergleicht man die Inhaltsstoffe des Eiskrauts mit den natürlichen Feuchthaltefaktoren der Haut, so fanden Chemiker viele Parallelen, welche die feuchtigkeitsspendende Wirkung der Mittagsblumenextrakte erklären könnten: Das Eiskraut sammelt wie die menschliche Haut Wasser mit Hilfe von Aminosäuren. Ebenfalls mit Hilfe von Prolin und Hydroxyprolin, mit Fruchtsäuren und Mono-, Di-, und Polysacchariden. Die menschliche Haut dagegen hilft sich mit ähnlichen Stoffen, der Pyrrolidoncarbonsäure, dem Harnstoff und verschiedenen Glykoproteinen.
Und daher, so nimmt man an, wirken Zubereitungen mit dem Mittagsblumenextrakt beruhigend, pflegend und reizlindernd, vermindern Juckreiz, erhöhen die Hautfeuchte, verbessern die Barrierefunktion der Haut und sind bei trockener Haut, Neurodermitis, Alters- und Kinderhaut zu empfehlen. Die UV-Schutzwirkung kann in Sonnenschutzprodukten (Sonnenmilch Dr. Hauschka Wala) unterstützend wirken.
Einige gequetschte Eiskraut-Blätter,
mit einer kleinen Binde auf die
Pulsgegend
bei Fieberkranken gegen die Fieberhitze
aufgebunden, ist ein beliebtes, nicht
unwirksames Volksmittel.
Georg Friedrich Most - 1843
(Encyklopädie der Volksmedicin)
Waltraud Marschke und die Ärzte im Cento de Terapia Antroposófica in Puerto del Carmen wenden die Kräfte der Kristall-Mittagsblume erfolgreich an, um Hautkrankheiten zu behandeln. Eine Salbe mit den Wirkstoffen der Kristall-Mittagsblume können sie in der Postapotheke in Herdecke/Kirchende ( Tel.: 0049-2330-73180) oder im Krankenhaus in Herdecke unter der Nummer (Tel.: 0049-2330-623408) bestellen. Auf Lanzarote erhalten sie die Salbe der Kristall-Mittagsblume im
Centro de Terapia Antroposófica, Calle Salinas 12, in Puerto del Carmen. Tel.: 0034-928 516 955.
Beschreibung Mesembryanthemum crystallinum L.
Das Eiskraut ist eine bis zu 150 cm weit kriechende, ein- bis zweijährige sukkulente Pflanze, die durch reiche Verzweigungen oft niederliegende, mattenartige Bestände bildet. Die ganze Pflanze ist oft rötlich überlaufen. Die fleischigen, blaugrünen Blätter können bis 12 cm lang werden. Diese sind dicht mit glasigen Papillen besetzt, die wie Kristalle aussehen. Ihre Form ist eiförmig-dreieckig bis spatelförmig. Die Blätter sind gegenständig angeordnet, wobei die oberen wechselständig angeordnet sind.
Die Blüten erreichen einen Durchmesser bis 3 cm und stehen einzeln endständig oder zu 3-5 in den Blatt-achseln. Die fünf Kelchblätter sind kürzer als die zahlreichen schmalen, fast fädigen weißen Kronblätter. Die Kronblätter können auch blassrosa gefärbt sein. Blütezeit ist von Februar bis Juli.
Mesembryanthemum crystallinum Systematik
Unterklasse: Nelkenähnliche (Caryophyllidae)
Ordnung: Nelkenartige (Caryophyllales)
Familie: Mittagsblumengewächse (Aizoaceae)
Unterfamilie: Mesembryanthemoideae
Gattung: Mesembryanthemum
Art: Kristall-Mittagsblume, Eiskraut, Sodapflanze
Wissenschaftlicher Name: Mesembryanthemum crystallinum L.
Die Informationen über die Inhaltsstoffe der Kristall-Mittagsblume stammen zum Teil auch aus einer Arbeit von Christian Wende in Zusammenarbeit von Rebecca Stolle und Ulrike Lindequist, Institut für Pharmazie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, sowie Marie-Annett Grünewald und Ulrich Meyer, WALA Heilmittel GmbH, Bad Boll/Eckwälden.
(06/09 No.35)