(18-05-2010) Fußball. Ein Sport der Millionen begeistert und heldenhafte Vorbilder liefert. Doch die Kicker von einst, die für die Ehre, ihre Fans und ein paar Groschen spielten, sind Vergangenheit. Aus den Stars von nebenan sind millionenschwere Fußballdiven geworden. Ihre Arbeitgeber keine Volksvereine mehr sondern Unternehmen, die das ganz große Rad drehen. Mit fatalem Ergebnis: Die Schuldenberge der meisten europäischen Klubs wachsen und wachsen. Sind die Kicker zu dumm zum Wirtschaften?
Mitte April ist ein kleiner trauriger Spielbericht über den UD Lanzarote in der La Voz de Lanzarote zu lesen. Der Abstieg der Insel-Kicker war so gut wie besiegelt. 4:1 haben die rojillos gegen die Mannschaft aus Real Madrid Castilla verloren. Die Chance, die Scharte auszuwetzen, ging gegen Null. Der schwere Gang in die Tercera División stand so gut wie fest. Im letzten Spiel der Saison - gegen Oviedo - war es dann soweit: Ein 0:2 vollendete endgültig den Abstieg der rojillos.
OK. Dann müssen sich die Jungs halt wieder von ganz unten hoch arbeiten. Nichts Ungewöhnliches im Fußball, noch weniger in dieser Kategorie. Nicht tragisch. Denkt man. Aber irgendwie ist da ein seltsamer Unterton in dem Artikel, eine Art trauernder Heldenabgesang, unausgesprochene Vorwürfe, die dazu verleiten, im Internet mal kurz den UD Lanzarote zu googeln.
Und was muss man in La Voz de Lanzarote lesen? Der Vorzeige-Fußballklub Lanzarotes, die be- und geliebten rojillos, fallen nicht nur in den Keller der Liga, sondern sind hoch verschuldet und wurden obendrein vom Kadi zu einer hohen Strafe verurteilt, weil sie einen Fußballer aufs Feld schickten, ohne ihn bei der Sozialversicherung angemeldet zu haben.
Schwarzspieler und
Sozialversicherungsbetrüger
Enrique (Quique) Gandul Aparicio ist der Name des Spielers, den der Vorstand des UD Lanzarote wohl am liebsten so schnell wie möglich aus dem Vereinsgedächtniss streichen würde. Der Mittelfeldspieler hatte im August 2004 einen einjährigen Vertrag mit dem UD Lanzarote unterschrieben. Gültigkeit bis Juni 2005. Doch nur zwei Monate nach Vertragsabschluss verletzte sich der damals 32-jährige Gandul im Spiel gegen den galizischen Klub Racing de Ferrol schwer. Mit Kreuzband- und Meniskusriss musste er unters Messer.
Immerhin im Risikobereich eines Kickers, denkt man sich, und nichts Außergewöhnliches. Doch für Gandul kam es faustdick: Nach der OP bekam er eine Venenentzündung, und der folgte, von Ärzten in dieser Kombination äußerst gefürchtet, eine Lungenembolie. Quique hat sich von den Folgen dieser Verletzung nie richtig erholt: Jedenfalls nicht so, dass er wieder auf dem Spielfeld hätte mitmischen können. Er musste seine Fußballschuhe an den Nagel hängen und vertraute - wie alle Arbeitnehmer in solchen Fällen - auf seine Absicherung im sozialen Netz und auf die Versicherung.
Doch er war ein Schwarzspieler und nicht versichert. Das hatte eine neue Dimension. Gandul, der es durchaus gewohnt war, wie übrigens tausende Spieler in den unteren Ligen Spaniens, monatelang zu spielen, ohne einen Lohn zu erhalten, immer in der Hoffnung, ihn bald ausbezahlt zu bekommen, sah sich gezwungen, gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor den Kadi zu ziehen. Vor der dritten Kammer des Sozialgerichtes bekam er Recht, und der UD Lanzarote wurde verpflichtet, Gandul bis zu seinem 65 Lebensjahr eine monatliche Rente über circa 2000 Euro zu bezahlen. Außerdem muss der Klub circa 300.000 Euro an die Sozialversicherung zahlen.
Die Taschen
vom nackten Mann
Soweit so gut. Denkt man. Doch während die Sozialversicherung inzwischen Quiques Schaden übernommen hat, zieht der UD Lanzarote, den die lanzarotenische Inselregierung als „herausragenden Botschafter Lanzarotes und Förderer des Tourismus" preist und der jährlich rund 100.000 Euro Subventionen bekommt, in Revision vors oberste Sozialgericht der Kanaren. Der Verein zahlt die 300.000 Euro vorerst nicht. Man habe kein Geld und wolle sich zu dem Fall nicht äußern, da es ein schwebendes Verfahren sei.
Und so rechnete der Schatzmeister des Vereins, Domingo Gil, am 22. Januar dieses Jahres folgendermaßen schön: Am 22. Juli vergangen Jahres hatte der Club 479.000 Euro Schulden. Die 320.000 Euro Strafe, die der Klub an die Sozialversicherung zahlen muss, lässt Kassenwart Gil unter den Tisch fallen. La Voz de Lanzarote zitiert ihn in der Vereinssitzung: „La sentencia aún no ha sido ejecutada, al estar el caso todavía en los Juzgados" (Das Urteil wurde noch nicht vollstreckt, der Fall ist immer noch vor Gericht). „Mehr als die Hälfte der Vereinsschulden", so rechnete Gil den Vereinsmitgliedern vor, „hat der Klub inzwischen bezahlt". Der Verein habe also zum 22. Januar 2010 „nur" noch 210.540 Euro Schulden. Für den Ausblick in die Zukunft setzte Kassenwart Gil die rosa Brille auf und rechnete vor, dass der Klub bis Saisonende 275.000 Euro Subventionen erwarte. Mache unterm Strich also ein superávit (Budgetüberschuss) von 16.000 Euro. Inzwischen habe man 60.000 Euro neue Schulden aufgenommen und weitere 60.000 Euro beantragt, die auch genehmigt seien.
Ob die Wolkenkuckucksheim-Rechnung von Kassenwart Gil allerdings aufgeht, ist nicht so sicher. Denn das Cabildo ist total klamm, und dort steht, unter anderem, bereits der Bürgermeister von Haría vor der Tür und fordert seinen Gemeinde-Tribut aus den Einkünften der von César Manrique gestalteten Touristenattraktionen wie Jameos del Agua, Cueva de los Verdes und Mirador del Rio: Insgesamt über 1.400.000 Euro.
Pleitegeier über Fußballstadien
Die finanzielle Situation des kleinen UD Lanzarote ist keine Ausnahme. Der Verein befindet sich in honoriger Gesellschaft. Jaume Llopis, Professor der Universität Navarra, rechnete Mitte Februar in El Periódico de Catalunya vor, dass sich die Schulden der spanischen Erstliga auf rund 4 Milliarden Euro belaufen. Allen voran der weltberühmte Fußballklub Real Madrid. Die als Merengues bekannten Kicker häuften laut Llopis bis zum 30. Juni 2009 einen Schuldenberg von offiziell 683 Millionen Euro an. Valencia hatte zu der Zeit 550, Atlético Madrid 511, FC Barcelona 489, Deportivo de La Coruña 292, Villarreal 240, Espanyol Barcelona 165 und Racing de Santander 137 Millionen Euro Schulden.
Und die Schuldenberge wachsen und wachsen. Unter anderem, weil Ministerpräsident Zapatero, auf der verzweifelten Suche nach neuen Spar- bzw. Einnahmequellen für den Staat, mit den Steuervergünstigungen, die den spanischen Clubs bisher vergönnt waren, wenn sie neue Verträge mit ausländischen Spielern abgeschlossen hatten, Schluss machte. Seit diesem Jahr gibt’s keine Steuervergünstigungen für Neuverträge mit Spielern aus dem Ausland. Das sogenannte „Beckham-Gesetz" wurde begraben, und die Klubs müssen für ihre ausländischen Stars, statt bisher nur 24 Prozent, künftig 43 Prozent Spitzensteuer blechen.
Den Fußballklubs ist das natürlich zu viel, und drum hatte ihr Präsident, José Luis Astiazarán, Ende vergangenen Jahres schon mal Streik angekündigt. Für die Vereine würde dies pro Jahr Mehrausgaben von 100 Millionen Euro bedeuten, jammerte er in El Mundo und verwehrte sich heftig gegen diese Ungerechtigkeit. Dabei ist bei genauerem Hingucken alles gar nicht so wild. Das Gesetzt gilt nämlich erst für die Spieler, die nach dem 1. Januar 2010 nach Spanien kamen. Für Kicker vom Kaliber eines Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic, beide verdienen etwa 13 Millionen Euro pro Jahr, zahlen die Vereine weiterhin nur 24 Prozentchen Steuern: Etwa so viel, wie Arbeitnehmer zahlen müssen, die im Jahr um die 60.000 Euro verdienen.
Kollaps der Spitzenklubs:
Platzt Europas Fußballblase?
Beim spanischen Fiskus und der spanischen Sozialversicherung - also letztendlich bei den spanischen Steuerzahlern - haben die Fußball-Millionäre gigantische Schulden aufgetürmt: Zum 31. Oktober 2008 waren es laut El Economista rund 628 Millionen Euro. Der spanische Staat hält still. Traut sich nicht, die Schulden einzutreiben. Denn würde er dies tun, ginge es vielen spanischen Erstligisten ebenso wie dem englischen FC Portsmouth. Der musste Insolvenz anmelden, weil er seine Steuerschulden nicht mehr zahlen konnte.
Man sollte meinen, dass Unternehmen wie die spanischen Erstliga-Klubs gewinnbringend zu führen seien. Aber längst sind die Fußballvereine zum Spielball von Spekulanten und Superreichen geworden. Und wie der Bankensektor, so zahlt auch diese Branche absurd hohe Managergehälter, aberwitzige Ablösesummen (rund 100 Millionen für Ronaldo) und wahnsinnige Spielergehälter.
Die deutsche Wirtschaftswoche beschreibt den Unternehmerstil des spanischen Baumoguls Florentino Pérez, der gleichzeitig Präsident von Real Madrid ist, mit den Worten: „Schulden machen und ein großes Rad drehen". Dies gälte, so das Magazin weiter, für seine Führung der Königlichen, genauso wie für die Führung seines Unternehmens, Actividades de Construcción y Servicios, kurz ACS. Sein „umsichtiges" Wirtschaften sorgte bei den Merengues, wie wir ja inzwischen wissen, für einen Schuldenberg von rund 683 Millionen Euro. Seine Baufirma ACS hatte Mitte September vergangenen Jahres – halten sie sich fest – neun Milliarden Euro Schulden. Aber jetzt bitte anschnallen: während der Mann diese beiden Unternehmen immer tiefer in die Schulden ritt, mehrte er sein privates Vermögen allein in den Jahren von 2000 bis 2006 um 500 Millionen Euro. Auch in der Wirtschaftswoche nachzulesen.
Der Chef des FC Barcelona, Joan Laporta i Estruch, gehört ebenfalls zu den betriebswirtschaftlichen Lichtgestalten der spanischen Fußballklubs. Mit einem Gerichtsurteil geht’s los: Vor wenigen Wochen wurde Laporta, so die Financial Times, von einem Gericht dazu verurteilt, für rund 25 Millionen Euro zu bürgen, weil er dem FC Barcelona finanziellen Schaden zugefügt hatte. Den 47-jährigen Anwalt ficht dieses Urteil so wenig an wie den kleinen UD Lanzarote das Urteil, 320.000 Euro an die Seguriadad Social zu zahlen. Auch Laporta geht erst mal ganz entspannt in Revision und bereitet einstweilen in aller Öffentlichkeit seine nächste Karriere vor. Laporta, der auch „Kennedy von Katalunien" genannt wird, und unter dessen Ägide der Schuldenberg vom FC Barcelona auf die gigantische Summe von 489 Millionen Euro anwuchs, strebt nichts Geringeres an, als das Amt des katalanischen Ministerpräsidenten.
20minutos.es zitiert ihn mit den Worten: „Ich habe bei Barça unter Beweis gestellt, dass ich eine Regierung führen kann." Sein erklärtes Ziel: Er will Katalonien von Spanien abtrennen und zu einem unabhängigen Staat machen.
Streiken oder Spielen? –
The show must go on!
Bei den Angelsachsen sieht das Fußballgeschäft ähnlich düster aus. Großbritanniens Volkshelden Manchester United, liebevoll ManUs genannt, haben laut der deutschen Financial Times 800 Millionen Euro Schulden angehäuft. Die versuchen sie nun auf die lange Bank zu schieben, indem sie eine Anleiheemission von 570 Millionen Euro ausgeben wollen. Jane Bloggs, das britische Pendant zum deutschen Lieschen Müller, kann ihrem Lieblingsklub dann unter die Arme greifen, indem sie ihm für ein paar Jahre Geld pumpt, nach den Vorstellungen von ManU bis 2017, um es dann mit einem Zinsaufschlag zurück zu bekommen. Falls der Klub bis dahin nicht pleite ist.
Um den FC Liverpool steht es nicht viel besser. Den drücken 270 Millionen Euro Schulden und seine jetzigen Besitzer, die Millionäre George Gillet und sein Partner Tom Hicks, haben laut Fußball24.de die Bank „Barclays Capital" beauftragt, einen Käufer für ihr Spielzeug zu finden. Sie wollen den Klub, den sie 2007 für 147 Millionen Pfund gekauft haben, am liebsten recht schnell los werden. Ganz besonders, nachdem Söhnchen und Vorstandsmitglied Tom Hicks Junior Anfang Januar dieses Jahres einem Fan, der das miese Finanzmanagement des Clubs via Email monierte, die unbeschwerte Antwort „Blow me, fuck face. Go to hell. I`am sick of you", zurückgemailt hatte und daraufhin seinen Hut nehmen musste. 570 Millionen hätten Hicks und Gillet gern für den FC Liverpool, wie spox.com berichtete.
„Die deutschen Klubs befinden sich nicht in so einer desolaten Lage. Die müssen sich einem strengen Lizensierungsverfahren unterwerfen und sind ziemlich gesund!", protestiert ein eingefleischter Fußballfan, als er diesen Artikel vorab zu lesen bekommt.
Wirklich? Wird das Finanz-Doping im Fußball, das Vereine dazu verleitet, Spieler zu verpflichten, die ihnen sportlich zwar Vorteile verschaffen, die sie sich aber bei seriösem Geschäftsgebaren gar nicht leisten könnten, in Deutschland verhindert?
Der renommierte Bilanzrechtprofessor Karl Heinz Küting untersuchte die veröffentlichten Angaben aller Fußballbundesligisten und bewertet das Lizenzverfahren der Deutschen Fußball Liga (DFL) als völlig unzureichend: „Bundesliga Vereine sind Konzerne der Unterhaltungsindustrie und legen Jahresabschlüsse vor wie Kegelclubs und Briefmarkenvereine" sagte er dem ZDF-Politmagazin Frontal21 im Dezember vergangenen Jahres. Er vermutet, dass viele Bundesligaclubs mit höheren Schulden belastet seien als öffentlich bekannt.
DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gab Anfang Januar Zahlen bekannt: Die erste Liga habe zum 30. Juni 2009 mehr als 610 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die zweite Liga knapp 100 Millionen. Die Zahl der Vereine, die eine positive Bilanz ausweisen konnten, ist von fünfzehn auf elf beziehungsweise von neun auf fünf zurückgegangen. „Eine Entwicklung, die wir im Auge haben", so Seifert. Bleibt nur zu hoffen, dass Professor Küting mit seiner Behauptung, viele Bundesliga Klubs verschleierten ihre Zahlen und wirtschafteten am Rande der Pleite, nicht Recht behält. Sonst fischte Seifert nämlich böse im Trüben.
UEFA-Präsident Michel Platini will dem unseriösen Anhäufen von Schulden gern ein Ende bereiten. Doch bisher ist ihm das nicht gelungen.
Vielleicht hülfe ja eine Revolution von Unten, dachten Spaniens
Kicker der 2. Liga B (Segunda Divisón B) und wollten mit einem Streik Ende April darauf aufmerksam machen, dass ihre Arbeitgeber ihnen noch 6,8 Millionen Euro, 4,1 Millionen davon aus der vergangenen Saison, schulden. Spaniens oberster Sportpolitiker, der sozialistische Staatssekretär Jaime Lissavetzky, hat den Streik in letzter Sekunde verhindert: Zusammen mit der Asociación de Futbolistas Españoles, der Federación Española de Fútbol und der Liga de Fútbol Profesional spannte er einen Rettungsschirm auf und erhöhte den Garantiefond für die 2. Liga um weitere 300.000 Euro auf insgesamt eine Million.
Vater Staat hilft:
Business as usual
Panem et circenses (Brot und Spiele), das darf man dem Volk nicht nehmen, wussten schon die alten Römer. Und auch Zapateros Mannen nutzen die Instrumentalisierung der Massenunterhaltung, um das Volk bei Laune zu halten – auch wenn die Kassen noch so knapp sind. Und was sind schon 300.000 Euro mehr angesichts hunderter von Millionen, die die Vereine dem spanischen Staat sowieso schon schulden? Nimio. Unbedeutend. Peanuts, wie Herr Ackermann zu sagen pflegt.
Und derentwegen will man nun wirklich kein Ruckeln im spanischen Fußballgetriebe provozieren. Schon gar nicht wenige Tage vor WM-Beginn. Oleeee, ole, ole, ole. Oleee, oleee…