(17-05-2010) Sie reisten nicht nach Lanzarote, um Urlaub zu machen, sondern um zu arbeiten:
Die Handwerksgesellen Georg und Martin und Studentin Maria kamen auf ganz unterschiedlichen Wegen auf die Vulkaninsel. Doch sie hatten alle dasselbe Ziel: Sie wollten in die spanische Arbeitswelt eintauchen, sich weiterbilden, Sitten und Gebräuche anderer Länder kennen lernen und – vor allem – einen kleinen Teil zur Völkerverständigung beitragen. Lanzarote37° hat mit den jungen Deutschen gesprochen.
Der Maurergeselle Georg Sachon, der Zimmermansgeselle Martin Wünsche und die Studentin der Bibliothekswissenschaften Maria Klüver kommen aus ganz unterschiedlichen Gegenden in Deutschland. Sie haben verschiedene Berufsziele und jeder eine andere Ausbildung. Eines aber haben die drei gemeinsam: Sie sind nicht nach Lanzarote gekommen, um Urlaub zu machen. Georg, Martin und Maria haben die weite Reise auf die Vulkaninsel unternommen, um sich weiter zu bilden, Lebenserfahrung zu sammeln und zu lernen, wie in anderen Ländern in ihren Berufen gearbeitet wird.
Maria machte, unterstützt durch ein Erasmus-Stipendium, ein dreimonatiges Praktikum in der größten Bibliothek Lanzarotes, die beiden Handwerksgesellen Georg und Martin ließen sich eine Kluft schneidern und folgten, nur mit Stenz und Charlottenburger ausgerüstet, einer uralten Handwerkstradition. Sie machten sich als „zünftige Gesellen" auf die Wanderschaft, und fanden auf Lanzarote Arbeit und Unterkunft bei dem deutschen Schreiner Christian Gerdes in Tahiche.
Als ich die 21jährige Maria an ihrem Arbeitsplatz in der Biblioteca Insular (richtig: Biblioteca del Cabildo Insular de Lanzarote), der größten und am besten ausgerüsteten Bibliothek auf der Insel, treffe, ist sie am Empfang damit beschäftigt, Bibliotheksbesuchern Auskunft zu geben, ausgeliehene Bücher entgegen zu nehmen und neue auszugeben. Das Spanische scheint ihr keine Probleme zu bereiten. Freundlich berät sie die Besucher und antwortet auf deren Fragen. Auch dem teilweise atemberaubend schnellen Redefluss ihrer Kollegen kann sie ohne Probleme folgen. Maria kommt ursprünglich aus Augsburg und studiert an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Spanisch hat die 21jährige bereits auf dem Gymnasium als Fremdsprache gewählt, und weil sie nicht wollte, dass das Erlernte in Vergessenheit geriet, beschloss sie, ihr Praxissemester in Spanien zu absolvieren. Da sie Lanzarote schon von diversen Urlaubsreisen her kannte und ihr Onkel auf Lanzarote arbeitet, beschloss sie, sich für einen Praktikumsplatz in der Biblioteca Insular in Arrecife zu bewerben. Mit einem Stipendium der Erasmus-Stiftung in der Tasche, was Maria immerhin 400 Euro Unterstützung pro Monat sicherte, machte sie sich daran, die entsprechenden Papiere auszufüllen. Zeitgleich begab sie sich auf die Suche nach einer Unterkunft, und – auf Lanzarote auch für einen Praktikanten unabdinglich – einem Mietwagen.
Während Maria in ihrer Studentenbude am Küchentisch in Antragsformularen versank, gingen die beiden 22jährigen Handwerksgesellen Georg aus Bernterode im Südharz und Martin aus Schönbach in der Oberlausitz ihre Pläne, im Ausland Erfahrungen zu sammeln, ganz anders an und ließen sich erst mal mit den Ohren an einen Wirtshaustresen nageln…
Doch der Reihe nach: Bevor man sich als reisender Wandergeselle einer Gesellenvereinigung auf die Wanderschaft machen kann, muss man sich erst mal einen „Altreisenden" - einen, der das alles schon hinter sich hat – suchen. Dieser „Doktorvater der Handwerksgesellen" prüft dann, ob die Anwärter sich überhaupt für die Walz eignen, und ob sie es wirklich ernst meinen, mit ihrem Ansinnen durch die Welt zu ziehen. Erst wenn er hiervon wirklich überzeugt ist, weiht er die künftigen Wandergesellen in die Gepflogenheiten der Zunft und in deren Sprache, das sogenannte Rotwelsch, ein.
Wer diese Prüfung schlussendlich besteht, dessen rechtes Ohr wird bei einem zünftigen, feucht-fröhlichen Abschieds- und Initiationsritual mit einem Nagel auf einen Tresen genagelt, und der kommt erst wieder frei, wenn er sich mit ausreichend Bier und Schnaps „losgekauft" hat. Nur Gesellen, die diese Prozedur überstanden haben, dürfen sich im Namen und in der Kluft eines Schachtes (Zunft) auf die Reise machen. Sie bekommen ihr persönliches Wanderbuch mit Foto und Personalien ausgehändigt – in Deutschland ersetzt es sogar ganz offiziell den Reisepass –, klettern beim Verlassen ihrer Heimatstadt über das Ortsschild und dürfen dieser in den kommenden drei Jahren plus einem Tag nicht näher kommen als 50 Kilometer: das ist der sogenannte „Bannkreis".
Georg und Martin überstanden diese Prozedur – übrigens ganz unabhängig voneinander – und durften, als Schmerz und Kater nachgelassen hatten, schließlich als sogenannte „zünftige Gesellen" auf die Walz, die Wanderschaft oder auch die Tippelei, wie dies von Ihresgleichen bezeichnet wird, gehen. Sie ließen sich für jeweils rund 1000 Euro eine Kluft ihres Schachtes der Freien Vogtländer, bei einem Kluftschneider anmessen, schulterten ihren Charlottenburger (das ist das Bündel, in welchem ihr Hab und Gut zusammengeschnürt ist) mit dem Stenz (Wanderstecken), überkletterten besagtes Ortsschild und machten sich auf die Wanderschaft.
Die angehende Bibliothekswissenschaftlerin Maria Klüver saß derweil in Leipzig, telefonierte um Unterkunft und Auto, und ließ zum x-ten Mal ihre Antragsformulare übersetzten. Mal die Schreiben der Biblioteca Insular ins Deutsche, dann wieder die der Erasmus-Stiftung und ihrer Universität ins Spanische. Im Nachhinein lacht sie über so viel Formalitäten, aber damals fürchtete sie, nicht nur ein Mal an der Bürokratie zu scheitern. Noch schwieriger hätte sich wohl alles gestaltet, wenn ihr Onkel Stephan nicht etwas Hilfestellung gegeben hätte: Er half auf Lanzarote, eine bezahlbare Unterkunft zu finden und – ein Auto. Genau dieses entwickelte sich zu einem schwierigen Unterfangen, denn an Jugendliche unter 24 Jahren vermieten Lanzarotes Autovermieter ungern einen Wagen.
Dieses Problem hatten Georg und Martin nicht. Im Gegenteil: Nach den Zunftregeln darf, wer „auf Wanderschaft" geht, kein Mobiltelefon besitzen und ein Auto sowieso nicht. Ein Handwerksgeselle auf Wanderschaft darf auch nicht verheiratet sein und keine Kinder haben, er darf für Übernachtung und Reise nichts bezahlen, darf nicht vorbestraft sein, muss einen Gesellenbrief haben, in der Gewerkschaft organisiert sein, und muss sich obendrein schuldenfrei auf den Weg machen.
Als Martin und Georg mit zwei anderen Wandergesellen Lanzarote erreichten, gestaltete sich die Suche nach Arbeit schwierig. Im Gegensatz zu Maria konnten die beiden kein Wort Spanisch, und daher fragen sie in der Regel auf ihrer Wanderschaft deutschsprachige Menschen nach Arbeit und Unterkunft. Kopfschütteln und hämischer Spott begegnete den beiden jungen Gesellen in so mancher Gastwirtschaft, in der sie rasteten. „Hier gibt es keine Arbeit, außerdem wollt ihr euch doch sowieso nur einen schönen Lenz machen", wurden die beiden in so mancher Kneipe auf der Insel angepöbelt. „Meistens von Leuten, die schon morgens um zehn mit trübem Blick vor einer halben Bier hockten", so Martin verächtlich. In einer lanzarotenischen Schreinerei in Tinajo haben die beiden sich vorgestellt und um Arbeit gefragt, aber der Chef hat sie nicht verstanden und ihre Kluft – es war gerade Faschingszeit – wohl eher als Karnevalskostüm aufgefasst.
Mit viel Achtung und Respekt erzählen sie von dem deutschen Residenten Klaus Piesch, der ihnen in der alten Schule in Yaiza begegnete: „Arbeit hatte er zwar auch keine für uns, dafür hat er jedem von uns 50 Euro für Essen und Trinken in die Hand gedrückt", erinnert sich Martin an die Hilfsbereitschaft des Mannes.
Glück gehabt. Piesch wusste mit den jungen Männern in der traditionellen Kluft etwas anzufangen. Er kennt die Tradition der Wandergesellen und hält ihren Aufzug nicht für ein Faschingskostüm, sondern weiß, dass jede Zunft und jedes Gewerk seine eigene Kluft hat, an der Eingeweihte erkennen können, was für einen Gesellen sie vor sich haben und zu welcher Zunft er gehört. Zu einer solchen Kluft gehört immer ein schwarzer Hut mit Krempe, ein Zylinder, Dreispitz oder ähnliches, eine Hose mit weitem Schlag, Weste und Jackett, jeweils farblich entsprechend der Tradition seines Berufsstandes.
Auch Manuela Söllner von der Wurstbraterei MyM Salchichas in Playa Blanca wußte, wen sie vor sich hat, als die beiden bei ihr einkehrten. Arbeit gab es zwar auch hier nicht, aber Wirtsfrau Manuela wusch den beiden immerhin ihre Kluft. Ein Dienst, den Wandergesellen sehr zu schätzen wissen. Schließlich geht die Wanderei oftmals stark an die Geruchsbelastungsgrenze, wenn man tagelang keine Unterkunft findet, gezwungen ist, im Freien zu schlafen und eben auch keine anständige Möglichkeit hat, sich zu waschen.
Viele der Wandergesellen sind Zimmerer, aber es gibt auch Gesellen und – ganz selten – Gesellinnen (die wenigsten Schächte erlauben Frauen den Zutritt in ihrer Vereinigung) anderer Handwerksberufe wie zum Beispiel Tischler, Maurer, Dachdecker, Betonbauer, Bootsbauer, Töpfer, Schmiede, Spengler, Steinmetze, Holzbildhauer, Buchbinder, Schneider, Goldschmiede, Instrumentenbauer, Kirchenmaler und viele mehr, die auf Wanderschaft gehen. Dass viele glauben, es gingen nur Zimmerleute auf die Walz, liegt daran, dass viele Gesellen anderer Gewerke ebenfalls die typische schwarze Zimmererkluft mit der weißen Staude, einem kragenlosen Hemd, tragen.
Die Zugehörigkeit von Georg und Martin zum Schacht der Freien Vogtländer erkennt man am eingeschlagenen Hemd, der goldenen Ehrbarkeit, einer Art Krawattennadel, die das Hemd am Kragen zusammenhält, und an den jeweils drei Knöpfen an jedem Hosenschlag, die, wenn man genau hinguckt, zusammen ein geschlossenes V bilden.
Die angehende Bibliothekswissenschaftlerin Maria musste sich nicht mit derartigen Problemen herumschlagen. Sie machte bereits in Leipzig alles klar für ihr Auslandspraktikum. Auf Lanzarote kam sie mit ordentlich gepackten Koffern an, bezog eine gemütliche kleine Wohnung in Guatiza und hielt des Morgens auch nicht den Daumen raus, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen, sondern setzte sich in ihren Leihwagen, um nach Arrecife in die Biblioteca Insular zu fahren. Hier musste sie nicht erst um Arbeit fragen, sondern man empfing sie freundlich mit offenen Armen, und bereits nach wenigen Wochen ging sie bei den Familien ihrer Kolleginnen aus und ein. Ständig war sie eingeladen und musste von Deutschland erzählen, und sogar zu Weihnachten lud ihre Kollegin sie zu sich nach Hause ein, wo sie ein echt lanzarotenisches Fest der Liebe feiern durfte.
Gott-sei-Dank hatten auch Georg und Martin nicht nur Pech auf Lanzarote. Alexandra, die Ehefrau von Schreiner Gerdes, kennt die Tradition der Wandergesellen, und als sie Georg und Martin auf ihrem Weg von Puerto del Carmen nach Tahiche auf der Straße trampen sah, hielt sie selbstverständlich an und nahm die beiden mit. Und endlich gab es für die beiden nicht nur saubere Wäsche, etwas Ordentliches zu essen und einen behaglichen Schlafplatz, sondern auch richtig viel Arbeit in der Schreinerei ihres Mannes Christian. Die Auftragsbücher von Handwerksmeister Gerdes Schreinerei, die sich ganz besonders auf Möbel- und Holzterrassenbau spezialisiert hat, aber auch Maurer- und Fließenarbeiten durchführt, sind voll, und so kamen die beiden Handwerksgesellen gerade richtig. Kost und Logis mit Familienanschluss gab’s bei Familie Gerdes, ein ordentliches Taschengeld für jeden Arbeitstag und obendrauf – als Belohnung für die fleißige Arbeit der Beiden – spendierte Meister Gerdes noch für jeden einen Tauchschein, bevor sie sich wieder auf die Reise machten. Christian Gerdes war zwar selbst nie als Handwerksgeselle auf der Wanderschaft, aber er kannte die Tradition, und je länger er durch Georg und Martin hinter die Kulissen dieser Tradition blicken durfte, umso beeindruckter war er von dem Brauchtum.
„Die Jungs lernen nicht nur von mir, sondern wir auch von ihnen", berichtet der Schreinermeister beeindruckt, und erzählt, wie selbstverständlich die beiden jeden Tag seiner Frau in der Küche zur Hand gehen und helfen, wenn das Abendessen hergerichtet und der Tisch gedeckt werden muss. Essen vorm Fernseher ist verpönt, gute Tischmanieren dagegen eine Selbstverständlichkeit. Auch die Freizeit verbrachten sie oft zusammen, so manches Mal bei einer ausgiebigen Partie „Wikingerschach" am Strand.
Gern gesehen waren sie allesamt, die deutschen Praktikanten, Praktikantinnen und Wandergesellen auf Lanzarote. Und allen fiel es schwer, nachdem ihre Zeit auf der Insel abgelaufen war, Abschied zu nehmen. Maria Klüver wird in ihrem Zimmerchen in Leipzig noch lange an die Freundlichkeit und das Improvisationstalent ihrer Kollegen in der Arrecifer Inselbibliothek denken, und Martin und Georg an die fröhlichen Partien Wikingerschach am Strand von Costa Teguise. Alle haben sie die Insel Lanzarote in ihr Herz geschlossen und eines ist sicher: Wenn das Schicksal sie nicht davon abhält, werden sie eines Tages – vielleicht mit ihren Kindern – wiederkommen und der Insel, auf der sie einst ein paar lehrreiche Monate verbracht haben, einen Besuch abstatten.