Die weite sandige Halbwüste „El Jable“ findet sich im äußersten Nordwesten Lanzarotes und wird von der Küste des Atlantik im Norden, dem Famararücken bis Teguise im Osten und den Orten Tiagua, El Cuchillo und Sóo im Westen begrenzt. Der Name leitet sich vermutlich aus dem französischen Wort für Sand, „sable“ ab. Dieses Gebiet bildet den Lebensraum einer Reihe hoch spezialisierter und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, von denen viele nur auf den Kanaren vorkommen oder sogar auf Lanzarote beschränkt sind. In Hinblick auf seinen Wert für Biologie und Naturschutz ist „El Jable“ von ebenso großer Bedeutung, wie es der Nationalpark „Montañas del Fuego“ für die Geologie ist.
Obwohl durch Trockenheit charakterisiert, verdankt der „El Jable“ seine Existenz dem Meer, aus dessen Brandung er noch immer hervorgeht, wie die Schaum geborene Göttin Aphrodite der alten Griechen. So werden durch die Kraft der Wellen schwarze Lavabrocken, sowie Schalen und Skelette von Abermillionen Schnecken, Muscheln, Stachelhäutern und Tintenfischen fein zermahlen. Sie werden als „Sand“ an den Strand von Famara geworfen und anschließend vom stetig wehenden Passat in den „El Jable“ geweht. In der Nähe der Küste versuchen Sträucher, wie der Balancón (Traganum moquinii), den Sand von seiner Wanderung ins Innere zurückzuhalten. Dabei türmen sich um sie herum hohe Hügel auf. Das Ganze bleibt jedoch erfolglos und der Sand bewegt sich Wanderdünen bildend weiter über die Ebene. In Tausenden von Jahren haben sich so enorme Massen in 5 bis 10 Meter dicken Schichten auf dem vulkanischen Untergrund bis fern der Küste aufgehäuft bzw. wanderten quer über die Insel südlich von Arrecife wieder ins Meer zurück.
Wassermangel, sandiger Untergrund und wenig Schutz vor der brennenden Sonne und dem unentwegt blasenden Wind bilden harte Bedingungen, denen Tiere und Pflanzen sich hier zum Überleben anpassen müssen. Im Frühling blühen die weißen Blüten einer Lilie (Androcymbium psammophilum) auf dem losen Sand der Ebene, sogar auch auf den Wanderdünen. Sie wächst nur auf Lanzarote und Fuerteventura und duckt sich tief auf den Boden, um Verletzungen durch Wind und heran geblasenen Sand zu vermeiden.
Überall sind die schnurförmigen Spuren einer auf Lanzarote endemischen Eidechse zu sehen, die von Versteck zu Versteck führen. An geschützten Stellen bauen Ameisenlöwen ihre Fangtrichter, in denen sie herein gerutschtes Kleingetier mit ihren großen Zangen ergreifen. Schnecken kleben in großer Zahl an den dornigen Sträuchern. Mit zugeklebter Gehäuseöffnung überstehen sie so die Hitze des Tages, um nachts herum zu kriechen und zu fressen. Überall springen Grashüpfer davon. Geheimnisvolle zwei bis drei Zentimeter große Tönnchen mit einer Öffnung bedecken stellenweise in großen Mengen den Boden. Es sind die versteinerten Brutkammern einzeln lebender Bienen, die lange gestorben sind.
Eine trotz der extremen Lebensbedingungen erstaunlich große Zahl von Kleingetier ermöglicht das Vorkommen einer Reihe hoch interessanter Vogelarten.
Raubwürger und Turmfalken kann man überall auf erhöhten Warten – kleine Sträucher oder Steine – beobachten, wie sie Ausschau nach Beute halten. Im Frühjahr ertönen des Nachts seltsame Laute, bei denen es sich um die Rufe der balzenden männlichen Triele handelt. Am Tage sind diese Vögel wegen ihrer Tarnung und eines besonderen Verhaltens selten zu sehen. Bei Gefahr bleiben sie nämlich stocksteif stehen und man entdeckt, wenn man Glück hat, zuerst nur das große gelbe Auge dieses auffallend langbeinigen Vogels. Der aufregendste Bewohner vom „El Jable“ ist jedoch die Kragentrappe, ein Vogel so groß wie ein Truthahn, der aber wegen seines scheuen Verhaltens und seiner perfekten farblichen Anpassung selten ins Auge fällt. Allein im Frühjahr kann man gelegentlich balzende Hähne beobachten. Sie rennen dann mit ihren zu einem schneeweißen Puschel aufgestellten Halsfedern, die den zurück gelegten Kopf verdecken, scheinbar kopflos durch ihr Territorium, um bei den unscheinbaren Weibchen Eindruck zu schinden. „El Jable“ ist der wichtigste Lebensraum dieser eigenen Unterart, die auf der ganzen Erde nur auf Lanzarote und Fuerteventura vorkommt. Überall an den Wegrändern weisen Schilder auf diese besondere Bedeutung hin. Noch seltener und scheuer ist der Rennvogel. Er ist sandfarben und daher perfekt der Grundfärbung seines Lebensraumes angepasst. Mit seinen langen Beinen vermag er schnell am Boden zu rennen, wobei er immer wieder Pausen einlegt, während derer er hoch aufgerichtet die Umgebung mustert.
Während „El Jable“ meist einen wüstenähnlichen Eindruck macht, bietet sich im Frühjahr, nach ausreichenden Regenfällen im Winter, ein unerwarteter Anblick. Dann erstreckt sich ein buntes Blütenmeer, das bis zum Horizont reicht. Überall singen dann die Stummellerchen und erfüllen die Luft mit Leben. Unsichtbar, durch die hohe Vegetation verborgen, hört man Wachteln rufen. Bewundernswert ist auch, wie die einheimischen Bauern ihre Nutzung an die extremen Bedingungen dieser Landschaft angepasst haben. Sie pflanzen Reihen von Getreidehalmen, um diese als Windfänger zu nutzen, und legen kleine Steine neben die Süßkartoffel- und Melonenpflanzen, an denen nächtliche Feuchtigkeit kondensieren kann. Das traditionelle Wirtschaften im losen Dünensand ist wie der Weinanbau in La Geria eine Erfindung, die auf Lanzarote gemacht wurde. Sie ist genauso schutzwürdig wie der beschriebene Lebensraum und seine tierischen und pflanzlichen Bewohner.
Seit 2007 ist „El Jable“ großflächig als ein besonderes Vogelschutzgebiet (Zona de especial protección para las aves, ZEPA) ausgewiesen und gehört zu den „Gebieten von gemeinschaftlicher Bedeutung“, die die Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Rahmen von Natura 2000 ausgewiesen haben. Ein küstennaher Streifen nördlich der Straße von Caleta nach Sóo gehört zu dem großen Naturpark „Archipiélago Chinijo“, der zudem den Risco de Famara und die nördlich gelegenen kleinen Inseln umfasst.
Ohne Rücksicht hierauf werden jedoch große Bereiche dieses wertvollen Gebietes, vor allem bei Muñique, durch den Abbau von Sand für die Konstruktion von Häusern, besonders in den Touristenzentren, zerstört. Pausenlos wird Tag für Tag der Lebensraum der gefährdeten Kragentrappen, Rennvögel und Triele mit Lastern im wahrsten Sinne des Wortes abtransportiert. Flächendeckend bleibt zerstörte Landschaft mit verwüsteten Löchern zurück, die dann als Rennstrecken für Motorbikes oder der illegalen Müllentsorgung dienen. Dieses ist mit dem hohen Schutzstatus von der gesamten Insel Lanzarote, insbesondere von der Region „El Jable“, nicht vereinbar und nicht zu verstehen.
(03/08 N° 20)
Wenn Sie mehr über die Natur Lanzarotes mit ihrer besonderen Tier- und Pflanzenwelt erfahren möchten, können Sie dies in dem Buch „Lanzarote – Kragentrappen, blinde Krebse und Vulkane“ von Horst Wilkens nachlesen. Dieses Buch gibt es auch in englischer und spanischer Sprache und ist in folgenden Souvenirshops zu erwerben: Fundación César Manrique*, Montañas del Fuego*, Jameos del Agua*, Jardín de Cactus*, Mirador del Río*, Casa Monumento al Campesino und dem Besucherzentrum des Nationalparks Timanfaya in Tinajo. Außerdem sind diese Bücher im Pardelas Park in Órzola, dem Shop Aha, Casa Santiago in Teguise sowie der Clínica Dr. Kunze in Puerto del Carmen und Arrieta erhältlich. Im Pardelas Park und dem Shop Aha können Sie zudem noch beeindruckende Tier- und Pflanzenfotos als besondere Briefkarten erwerben.(Bei den mit * markierten Souvenirshops muss Eintritt gezahlt werden.)