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Reif für die Intensivstation

Von: Dr. Karl Kunze


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Trotz langer Wartelisten könnten am Nachmittag bald überall in Spanien die Flure vor den OP-Sälen so aussehen: leer. Foto:©Shutterstock_GorillaAttack

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Die Zahlungsmoral ist hierzulande überhaupt ein Thema, über das man nicht gerne spricht. In letzter Zeit betrug der Zahlungsverzug durchschnittlich ganze 500 Tage bis zur Begleichung einer Rechnung. Foto:©Shutterstock

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In Zukunft sollen ganze Gesundheitszentren oder Abteilungen von Krankenhäusern geschlossen werden. Foto:©Shutterstock

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Ob Sparmaßnahmen die einzigen Möglichkeiten sind, das Gesundheitssystem zu retten, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Foto:©Shutterstock


26.06.2012 Das spanische Gesundheitswesen siecht vor sich hin. Der Infarkt ist kaum aufzuhalten, Reha- Konzepte sind nicht in Sicht, und Politiker doktern mit überholten Therapiemaßnahmen an einem Patienten herum, der nur dann gerettet werden kann, wenn er einer Radikaloperation unterzogen wird. Das muss man freilich können – und sich trauen.

 

„Gut“ oder nur „ausreichend“?


Selbstverständlich: zumindest das eine oder andere Mal wäre Asklepios, der Gott der Heilkunst, entstiegen dem Olymp und auf Besuch auf Lanzarote, höchst zufrieden gewesen. Sogar im Krankenhaus von Arrecife, auf unserer kleinen Insel, auf die sich normalerweise kein junger Arzt verirrt, der anderswo in einem kulturell interessanteren Umfeld hätte Karriere machen können. Denn er hätte auch dort den einen oder anderen engagierten und informierten Arzt erlebt, der seine Sache ohne Wenn und Aber gut gemacht hat. Aber nach der Vertreibung der Götter aus dem Olymp steht jede Profession, entrissen ihrem Schutz, heute mehr denn je in einem sozialen, politischen und vor allem wirtschaftlichen Kontext, der einen Rahmen vorgibt. Und Rahmen wie Götter geben zwar einen gewissen Schutz, schränken aber auch ein.
Man darf nicht vergessen, dass es diese Rahmenbedingungen auch in Deutschland gibt, und dass auch dort kein Arzt seine Patienten so behandeln kann, wie er es vielleicht möchte. Im Paragrafen 28 des Sozialgesetzbuches V heißt es im ersten Absatz: „Die ärztliche Behandlung umfasst die Tätigkeit des Arztes, die zur Verhütung, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten nach den Regeln der ärztlichen Kunst ausreichend und zweckmäßig ist.“ Bevor man also über andere Länder die Nase rümpft, sollte man diesen Satz zweimal lesen: Der Arzt hat den kassenversicherten Patienten in Deutschland nicht „gut“ zu behandeln, sondern “ausreichend“; seine Behandlung ist von vornherein auf die Note „4“ programmiert; bei einer „2“ gibt’s eventuell mächtig Ärger. In der Tat befinden sich genug Ärzte in Deutschland deshalb tagtäglich in einem zermürbenden Kleinkrieg mit der Kassenärztlichen Vereinigung. Dennoch liegt Deutschland im Ranking des „Euro Health Consumer Index 2009" hinsichtlich seines Gesundheitssystems auf Platz 6, Spanien aber auf Platz 22 von insgesamt 33 untersuchten Ländern.

Privat oder gesetzlich, das ist hier die Frage


Der Frage der Versicherung kommt in diesem Kontext natürlich entscheidende Bedeutung zu. Die „Seguridad Social“ ist streng genommen keine Krankenversicherung. Sie ist ein steuerfinanziertes, öffentliches Gesundheitssystem. Gesundheit wird als ein Recht betrachtet, das allen gewährt werden muss. Private Versicherer sehen das naturgemäß anders. Sie bestimmen die Konditionen, aber einmal versichert, stehen einem meist Tür und Tor offen, nicht für eine „ausreichende“, sondern meist für eine „gute“, vielleicht sogar für eine „sehr gute“ Behandlung, eine mit der Note „1“.
Für die meisten Urlauber ist das kein Problem. Sie kommen mit einer Reiseversicherung, die sie automatisch für sechs, in machen Fällen auch für zwölf Wochen, zu Privatpatienten macht. Sie können deshalb ohne weiteres auch ins kleine, aber feine Privatkrankenhaus gehen. Diese Versicherung gilt aber selbstverständlich nur für unvorhersehbare Erkrankungen. Wer mit einem Diabetes oder Bluthochdruck ankommt, kann sich den deshalb nicht über die Reiseversicherung - beispielsweise - optimal einstellen lassen. Selbstverständlich aber springt die Versicherung ein, wenn es unvorhersehbarer Weise zu einem diabetischen Koma oder einer Blutdruckkrise kommt. Für die Residenten, die über eine private Versicherung verfügen, kommt es darauf an, ob sie über eine Basisvariante verfügen, in diesem Fall ohne freie Arztwahl und mit anderen Einschränkungen versehen, oder über eine Vollversion, die natürlich teurer ist, aber freie Arztwahl ermöglicht und meist 80 Prozent aller Kosten abdeckt. Auch hier gibt es Einschränkungen, besonders bei der Erstattung von Medikamenten.

Seguridad Social

 

Diejenigen, die sich den Luxus einer privaten Krankenversicherung nicht leisten können, sind also auf das hiesige System angewiesen, die „Seguridad Social“. Für die meisten Spanier, für den Urlauber ohne Reiseversicherung wie für den Residenten ohne Privatversicherung heißt dies zunächst:
Keine freie Arztwahl. Sie sind auf den angewiesen, der gerade da ist; ob sie mit dem können oder nicht, interessiert keinen. Hausbesuche dieses „Hausarztes“ (médico de cabecera) und andere ambulante Betreuungen gibt es nur in äußerst seltenen Ausnahmesituationen. Außerdem: eingeschränkte Vorsorgeuntersuchungen - laut einer kürzlich erschienen Studie die größte Schwachstelle im spanischen System; keine Hilfsmittel - Seh-/Hör-/Gehhilfen, Rollstühle usw. müssen sie aus eigener Tasche bezahlen.
Zum zweiten sollten sie sich auf lange Wartezeiten und entsprechend lange Schlangen einstellen. Man hört von Fällen, wo nach stundenlangem Warten die Sekretärin im Warteraum des „Centro de Salud“ erscheint, um zu verkünden, dass der Dokter jetzt genug für heute gearbeitet habe. Auch auf den OP-Termin kann man eventuell lange warten, denn nur Notfälle werden direkt behandelt. Selbst für eine Gelenkspiegelung wartet man im vergleichsweise gut ausgestatteten und reichen Katalonien ein halbes Jahr. Die vorige Regierung sah sich genötigt, ein Gesetz zu erlassen, das vorschrieb, dass Herzklappenoperationen, Operationen der Herzkranzgefäße (!), des grauen Stars, des Knies und der Hüfte nicht länger als ein halbes Jahr auf der Warteliste stehen dürfen. 2010 betrug die durchschnittliche Wartezeit für eine OP auf den Kanaren rund drei Monate. Nach den Plänen der neuen Madrider Regierung wird sich dies bald – aber gewiss nicht zum Besseren – ändern.
Drittens: Zahnbehandlung und –ersatz sind nicht versichert. Nur die Kontrolle und das Ziehen der Zähne.
Was positiv zu Buche schlägt: „Normale“ Arzneimittel sind in Spanien vergleichsweise sehr viel günstiger. Als Erwachsener zahlt man aber bis zum Renteneintritt eine Selbstbeteiligung (normalerweise 40%, im Falle von chronischen Erkrankungen 10%), danach, im Rentenalter, ist man von diesen Zuzahlungen befreit.
Weiterhin: Wenn Sie hier in Spanien arbeiten, dann müssen Sie sich über die Seguridad Social versichern lassen, Sie sind also automatisch pflichtversichert. Wenn Sie aber mit der vergleichsweise betrüblich stimmenden Kärglichkeit einer staatlich getrimmten Basisversorgung, in der jeder Arzt, ob gut oder schlecht, das Gleiche verdient, nicht auskommen wollen, können Sie sich zusätzlich privat versichern. Hierbei gibt es eine große Bandbreite von Möglichkeiten. Das Netz privater Kliniken ist relativ dicht. Selbst auf Lanzarote gibt es eine Privatklinik. Und dann kann es passieren, dass der gleiche Chirurg, der Ihnen am Morgen im öffentlichen Krankenhaus mit dem Ausdruck höchsten Bedauerns mitteilen musste, keine Zeit für Ihre Operation zu haben, Ihnen am Nachmittag in der Privatklinik für übermorgen einen Termin anbietet.
Und last but not least: Erwarten Sie nicht, von einem spanischen Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen als „mündiger Patient“ angesehen zu werden. Der „Halbgott in Weiß“ - in nördlichen Gegenden inzwischen sanft entschlummert - hier in Spanien feiert er noch fröhliche Urständ. Diskussionen sind deshalb nach aller Erfahrung ziemlich aussichtslos.

Sparen bis zum Umfallen

 

Wurde der Zustand des Patienten „Spanisches Gesundheitswesen“ auf der persönlich erfahrbaren Ebene bisher als wenig erfreulich diagnostiziert, so steuert die politische Ebene nicht dazu bei, den Frohsinn zu steigern. Seitdem das spanische Parlament im Dezember den konservativen Parteichef Mariano Rajoy zum Ministerpräsidenten kürte, ist auch hier in Spanien Sparen angesagt. Und konservative Regierungen neigen bekanntlich nicht dazu, den Geldbeutel der Normalbürger zu schonen. Der „kleine Mann“ wird also auch hier im Gesundheitsbereich bluten müssen.
In konkreten Zahlen: Das durchschnittliche Budget für Gesundheitsleistungen ist von Region zu Region (Comunidad Autónoma) verschieden. Im Haushaltsplan für das Jahr 2012 ist laut „Federación de Asociaciones para la Defensa de la Sanidad Pública“ eine durchschnittliche gesamtspanische Minderung der Ausgaben pro Person um 84,76 Euro vorgesehen. Im Vergleich zum vorigen Jahr sind das 6,5% weniger. Verglichen mit dem Jahr 2010 sind es sogar 140,13 Euro weniger pro Patient, das entspricht einem Minus von über 10 Prozent.
Was beim Vergleich der Gesundheitsausgaben der einzelnen Regionen auffällt: die Kürzungen fallen sehr unterschiedlich aus. Die Katalanen müssen, verglichen mit 2011, mit einem Minus von fast 13 Prozent leben, in Asturien bleibt alles beim Alten, auf den Balearen gibt es einen Aufschlag von über sechs Prozent und auf den Kanaren immerhin von 2,3 Prozent. Aber verglichen mit dem Jahr 2010 bedeuten diese Ziffern für die Canarios einen herben Verlust von immerhin 10,3 Prozent. Die Zahlen für dieses Jahr sind aber noch lange nicht endgültig und werden laufend geändert. Während dieser Artikel entsteht, werden kontinuierlich neue Berechnungen gemeldet. Allgemein wird erwartet, dass das Budget für Spaniens Gesundheitsausgaben nach den Wahlen in Andalusien noch einmal korrigiert wird.
Zu den Einsparungen pro Kopf gesellt sich nach den Plänen einiger Autonomieregierungen die Erhöhung der Arbeitsstunden für die Gesundheitsarbeiter. Geplant ist eine Erhöhung um 2,5 Stunden pro Woche, das macht pro Jahr ein Plus von 16 bis 19 Tagen - was durch die Hintertür selbstverständlich auf eine Lohnkürzung herausläuft.
Auch die angestellten Ärzte werden leiden. Sie gehören sowieso, verglichen mit ihren europäischen Kollegen, eher zu den Geringverdienern. Zwischen 2400 und 4600 Euro Bruttogehalt beziehen sie monatlich. Damit trennen sie in der Mindestlohnstufe über 3300 Euro von ihren belgischen, ein runder Tausender von ihren deutschen Kollegen. In der oberen Etage sind es fast 11.000 Euro respektive 2000 Euro. Sogar in der Slowakei und in Slowenien verdient man als Arzt mehr. Vorsorglich stimmen die Länderregierungen ihre Ärzte schon jetzt auf weitere Einkommenseinbußen ein.
Ganze Belegschaften von Krankenhäusern und anderen Institutionen werden freiwerdende Stellen nicht mehr besetzen können, Zeitarbeitsverträge verlängern sich nur noch um drei Monate anstatt wie bisher um sechs, und Krankmeldungen können mit dem Verlust erworbener Rechte einhergehen. Was den Deutschen sehr bekannt vorkommt: die Katalanen sollen zukünftig 1 (einen!) Euro pro Rezept bezahlen, und auch das Ausstellen des Ausweises für die Seguridad Social, auch bei Verlust, kostet.
In Zukunft sollen ganze Gesundheitszentren oder Abteilungen von Krankenhäusern geschlossen werden, die OP-Säle sollen nur noch vormittags geöffnet sein. Letzteres spart nicht nur Geld, sondern bringt auch noch welches ein: die Säle können nämlich dann nachmittags vermietet werden, an den privat arbeitenden Chirurgen, der in einem anderen Krankenhaus vielleicht nicht die adäquate Ausrüstung findet, um seine Operationen durchzuführen.
Auch radiologische Zentren könnten kostengünstiger arbeiten, wenn kein Arzt zugegen ist. Diese Art der Praxisführung, in Deutschland undenkbar, ist allerdings kein Novum. Es wird schon des längeren, auch hier auf Lanzarote, praktiziert. Die Assistentin/der Assistent macht die Bilder, schickt sie via Internet in ein Zentrum, wo ein Arzt am Bildschirm sitzt, der ein Bild nach dem anderen beurteilt.
Wahrscheinlich am Rande der Legalität bewegt sich eine Maßnahme der Region Galizien, die den zur Gesundheitsleistung berechtigenden Ausweis nur an Personen vergibt, die schon sechs Monate im Land leben. Das macht es nicht nur Ausländern schwer, an der ärztlichen Behandlung teilzuhaben, sondern auch Spaniern, die bisher, beispielsweise, in Madrid gelebt haben. Dabei heißt es doch so schön in der spanischen Verfassung, dass Gesundheitsleistungen allen offen stehen.
Obwohl es noch schwer fällt, all diese neuen Maßnahmen zu beurteilen, so gibt es doch schon ein paar harte Daten. Die Wartelisten für Operationen haben sich in Katalonien um 25.000 Kranke erhöht, und die nachmittägliche Schließung der OP-Säle auf den Kanaren haben 7500 Patienten mehr auf die Warteliste befördert, darüber hinaus werden 170 Patienten pro Krankenhaus und pro Tag weniger behandelt. Es ist zu erwarten, dass es in anderen Landesteilen nicht besser aussieht.

440 Millionen will Spanien sparen. Auf Kosten der Kranken? Es scheint zumindest so. Aber was die Sparpläne angeht, die Zuzahlungen, die Privatisierungen im Gesundheitswesen usw. – Tatsache ist, das die Iberer bisher 12,5% ihres Gehaltes für die „Salud“ (Teil der Seguridad Social, der sich auf die Gesundheitsleistungen bezieht) ausgegeben haben. Davon entfielen aber nur vier Prozent auf den Arbeitnehmer, der Rest auf den Arbeitgeber. Im Vergleich dazu muss ein deutscher Arbeitnehmer 8,2% seines Gehaltes zahlen, 7,3 % der Arbeitgeber. Das sind insgesamt 15,5%, glatte drei Prozent mehr als der spanische Kollege.

Ein deutlicher Unterschied in der Bewertung der Systeme ergibt sich aus der Tatsache, dass das deutsche System beitragsfinanziert ist und einen klar definierten Leistungskatalog (nur bis hierhin und nicht weiter!, ausreichend und zweckmäßig!) parat hält, die Patienten bestimmte Gesundheitsleistungen selbst bezahlen müssen und „Nebenkosten“ wie Rezept- und Quartalsgebühren zusätzlich entrichten. Das alles war, bisher zumindest, in Spanien undenkbar. Das gesamte Gesundheitswesen war mehr oder weniger „kostenlos“, steuerfinanziert und ohne Leistungskatalog. Was jetzt auf die Spanier zukommt, ist also nichts Neues für andere Teile Europas. Nichtsdestoweniger ist die Empörung groß.

Empört sind auch andere Leute
Oder: La morosidad


Empörung ist aber auch von anderer Seite zu hören. Gemeinsam mit Italien, Griechenland und Portugal kann Spanien nämlich seine Rechnungen für Arzneimittel nicht mehr bezahlen. Allein bei einer einzigen Firma, bei der Schweizer Roche, belaufen sich die Forderungen an Spanien auf 2,1 Milliarden Euro. Am 15. Februar meldet das „Handelsblatt”, dass der Branchenverband „Farmaindustria” herausgefunden hat, dass Spaniens öffentliche Hand den internationalen Pharmafirmen und Medizintechnikkonzernen fast 12 Milliarden Euro schuldet. Die Zahlungsmoral ist hierzulande überhaupt ein Thema, über das man nicht gerne spricht. In letzter Zeit betrug der Zahlungsverzug durchschnittlich ganze 500 (in Worten: fünfhundert) Tage bis zur Begleichung einer Rechnung. 800 Tage gar sind es in Valencia. Ein Sprecher von Roche: „Wir haben in Spanien mehrere Spitäler, die ihre Rechnungen seit drei Jahren nicht mehr bezahlt haben.“ 80 Prozent seiner Lieferungen nach Spanien schickt Roche an Kliniken. Es verwundert nicht, dass sich sogar langsam diplomatische Verwicklungen ergeben. Der Schweizer Botschafter in Madrid, Urs Ziswiler, bestätigte denn auch, dass die lasche Zahlungsmoral der Spanier eines der wichtigsten Themen im diplomatischen Spiel zwischen beiden Ländern ist. Spanien ist immerhin, zusammen mit Großbritannien, der viertgrößte Arzneimarkt Europas. Der ist zwar zuletzt um vier Prozent gesunken, aber in den neun Jahren zuvor um 70 Prozent gewachsen. Leisten konnten sich das die Spanier offensichtlich nicht. Ein Sprecher vom Bayer-Konzern, dem die oben genannten Südländer inzwischen einen „signifikanten dreistelligen Millionen-Euro-Betrag“ schulden: „Die überfälligen Beträge in Spanien sind unter diesen Ländern am höchsten…Wir finden das Zahlungsverhalten nicht akzeptabel.“ Und so forderte ein Zusammenschluss von deutschen, französischen und Schweizer Handelskammern denn auch vom neuen Ministerpräsidenten Rajoy „konkrete Maßnahmen“.

Ob die allerdings so schnell ergriffen werden, ist mehr als fraglich. Denn die Autonomen Gemeinschaften, in deren Hoheitsrechte die Gesundheitsaufgaben fallen, haben im vergangenen Jahr ihre Kreditlinie um 15 Milliarden Euro überschritten. Jetzt will Madrid, auch in anderen Bereichen, in diese Hoheitsrechte eingreifen, was per se schon einmal Widerstand hervorrufen wird, und gibt eine Kreditlinie von 10 Milliarden Euro vor. Dieses Geld soll aber vor allem der einheimischen Industrie zugute kommen. Immerhin kann man so mit klammheimlicher Sympathie attestieren, dass Spanien es tatsächlich geschafft hat, die internationalen Pharmakonzerne, wahrscheinlich zum ersten Mal in deren Dasein, recht alt aussehen zu lassen. Es ist schon eine erstaunliche Leistung, so allmächtige Konzerne auf diese recht banale Art und Weise zu verprellen.

Im Jahr 2009 gab Spanien 9,5 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die Gesundheit aus (Deutschland: 11,6%). Drei Viertel davon entfielen auf den öffentlichen Sektor, der Rest auf den privaten. Spanien leistet sich nebenbei auch einen recht hohen Durchschnitt an Ärzten pro Einwohner. Im mittleren Durchschnitt aller OECD-Staaten verarzteten im besagten Jahr 3,1 Doktoren 1000 Einwohner. In Spanien waren es aber 3,5, und damit lag Spanien fast gleichauf mit dem deutlich reicheren Deutschland (3,6 Ärzte/1000). Spanien ist aber auch das Land mit den meisten Arzt-Patient-Kontakten in Europa – und mit der geringsten Zeitspanne für diese Begegnung.
Die Anzahl der Krankenschwestern/-pfleger lag dagegen mit 4,9 pro 1000 Einwohnern deutlich unter der deutschen mit 11 Pflegepersonen (OECD-Durchschnitt: 8,4). Damit ist Spanien sehr schlecht gerüstet für eine älter werdende Bevölkerung, in der man voraussichtlich sehr viele Pflegekräfte brauchen wird: denn in Spanien wird man dazu noch älter als in Deutschland. Neugeborene teutonische Jungs haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 77,5, die kastilischen Señores dagegen von 78,2 Jahren. Als Frau wird man 82,6 Jahre alt, 84,4 Jahre als Señora.

¿Qué hacer? – Was tun?

 

Angesichts der katastrophalen Aussichten fiel der neuen spanischen Regierung unter Ministerpräsident Rajoy und der Ministerin für Gesundheit, Soziales und Gleichberechtigung, Ana Mato, auch nichts anders ein als allen ihren Kollegen in Europa: Sparen, wo man kann – oder zu können glaubt. Dazu gehört vor allem, dass sich jetzt Madrid in die Haushaltshoheit der Regionen einmischen will, was mit großer Sicherheit für erheblichen Streit sorgen, aber die Lage keineswegs verbessern wird. Einige Maßnahmen wurden allerdings schon von den Landesregierungen ergriffen: Schließung von Operationssälen am Nachmittag (was bedeutet, dass das relativ neue Gesetz aus der Zapatero-Ära, wonach Knie- und Hüftoperationen etc. maximal ein halbes Jahr auf der Warteliste stehen dürfen, schon jetzt floppt, weil daraus jetzt mindestens anderthalb Jahre werden), Rezeptgebühren und andere „copagos“ (Zusatzgebühren für Gesundheitsleistungen). In Krankenhäusern wird es, wie es gerade angeblich in Galizien geschieht, bald keine Pflaster mehr geben, die kaputte Maus für den Arbeitscomputer muss von der Stationsschwester aus eigener Tasche bezahlt werden, oder man macht es sich, wie schon erwähnt, ganz einfach: Rechnungen der Pharmaindustrie werden schlicht nicht mehr bezahlt.
Dieses letztere Verhalten aber erscheint noch nicht einmal unklug. Denn ob Sparmaßnahmen die einzigen Möglichkeiten sind, das Gesundheitssystem zu retten, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Auch hier wird sehr wahrscheinlich nur ein Schuldenschnitt helfen – siehe Griechenland. Gedacht wird auch an eine Beitrags- statt eine Steuerfinanzierung und die Einführung eines klaren Leistungskatalogs. Die chronische Unterfinanzierung muss ein für alle Mal beseitigt werden, ebenso die technologischen und medikamentösen Innovationen gebührend mit einberechnet, die Arzt-Patient-Kontakte auf ein vernünftiges Maß herunterschraubt und vor allem die Effektivität ärztlichen Handelns erhöht werden. Dies könnte insbesondere durch eine vernünftige Basisversorgung erreicht werden, bei der nicht nur – viel zu viele - Medikamente verordnet werden, sondern, beispielsweise durch die Einführung eines Facharztes für Allgemeinmedizin, gleich drei Viertel aller notwendigen Untersuchungen mit erledigt werden.
Vorsorgeuntersuchungen müssten dringend eingeführt werden (40% der spanischen Bevölkerung ist Diabetes gefährdet, bei Fußamputationen wegen Diabetes liegt Spanien von allen OECD-Ländern an zweiter Stelle) und die Kosteneffizienz deutlich erhöht werden: Spanien liegt in dieser Disziplin im Vergleich mit 33 europäischen Ländern auf dem viertletzten Platz.
Was schon gelungen ist, aber noch weiter geführt werden sollte: die – staatlich regulierten - Medikamentenpreise sind vergleichsweise gering. Roche kann hierzulande nicht seine völlig überzogenen Phantasiepreise verlangen wie anderswo. Die Schweizer Pillendreher wären schon froh, wenn wenigstens die vereinbarten Preise bezahlt würden. Die Preise für innovative Medikamente dagegen, die noch einem Patentschutz unterliegen, können allerdings noch von der Pharmaindustrie diktiert werden. Hier ist gesamteuropäische Initiative gefragt.
Die Junta von Andalusien versucht gerade etwas ganz Neues: Die Preise für Generika werden mithilfe einer „Versteigerungsaktion“ festgelegt. Interessantes Modell, fraglich aber hinsichtlich seines Umsetzungspotentials.

Rechtzeitig zu Hilfe kommt da, dem Himmel sei Dank, die „Fundación Kovacs“ mit einer Studie über die Ineffektivität hierzulande angewandter Physiotherapie. Sie will herausgefunden haben, dass 60 Prozent der Massage- und Krankengymnastik-Behandlungen, die in Spanien angewandt werden, ineffektiv sind. Beispiel: manuelle Mobilisation der Wirbelsäule. Allein die kanarischen Inseln investierten zwischen 2004 und 2007 über 470.000 Euro in diese Massage-Technik, außerdem 140.000 Euro in die Elektrotherapie. Insgesamt wurden auf den Kanaren fünf Millionen Euro für physiotherapeutische Maßnahmen ausgegeben, wovon nun allein drei Millionen für angeblich ineffektive Behandlungen berappt worden seien, jedes Jahr eine ganze Million. Hochgerechnet auf Spanien seien das 25 Millionen. Wenn davon tatsächlich 60 Prozent überflüssig wären, dann ergäbe das ein Einsparpotential von 15 Millionen Euro. Angesichts der Schulden, die Spanien allein beim Pharmakonzern Roche hat, wird dieser Betrag den braven Schweizern vermutlich nicht einmal ein müdes Lächeln hervorlocken.

 

Ein deutscher Patient, der sich neulich in einem Centro de Salud im Norden von Lanzarote wegen einer Herzrhythmusstörung behandeln lassen wollte, wurde dort weder untersucht (noch nicht einmal der Puls wurde gefühlt), noch wurde das dringend notwendige EKG angefertigt (Ausschluss eines eventuell lebensbedrohlichen Vorhofflimmerns, das eine Blutverdünnung erforderlich macht, um eine Lungenembolie zu verhindern), sondern er wurde zum Röntgen geschickt. Die – sehr berechtigte - Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet.


H.P., 73 Jahre, müsste dringend an der Leiste operiert werden. Der alte Herr hat immer wieder Schmerzen und wartet seit zwei Jahren auf seine Operation. Eine Einklemmung des Darmes mit eventuell unabsehbaren Folgen droht. Ende Februar wurde er eines Nachmittags wieder vom Hausarzt ins Hospital General von Arrecife mit akuten Schmerzen eingewiesen. Am nächsten Morgen kam ein Arzt, reponierte nach Medikamentengabe den Bruch und schickte ihn abermals nach Hause. 


Aber die „morosidad“, die schlechte Zahlungsmoral, hat auch noch andere Auswirkungen. D.J.T., seines Zeichens Apotheker in Puerto del Carmen, sitzt auf Forderungen von 30.000 € an die Seguridad Social (INSS) fest – was praktisch gleichbedeutend ist mit: an die Autonome Region, also „den Staat“. Seit Februar zahlt der ihm nicht mehr seine Forderungen, die sich auf den Medikamenten gründen, die er an Patienten, die INSS-versichert sind, ausgegeben hat.  Dazu passt, dass die kanarische Partido Popular, hier auf den Kanaren in der Opposition,  vor wenigen Wochen ein Papier herausgab, das beklagt, dass der „Haushaltsentwurf für das Jahr 2012 betrügerisch und undurchsichtig ist, weil er einen Anstieg (im Gesundheitsbereich) von 90 Millionen im Vergleich zu 2011 vorgib. Es wurden 441 Millionen veranschlagt, davon müsse man aber 150 Millionen abziehen, wegen unbezahlter Rechnungen und den fälligen Zinsen.“ Deshalb könne man die Apotheken nur noch bis zum Juni bezahlen – und dann müssten die Pharmazeuten Kredite aufnehmen, um die Ware bezahlen zu können. D.J.T. hofft, dass die regierende Coalición Canaria Recht hat, dass dieser Zeitpunkt erst im September eintritt. Etwas eigenartig stimmt allerdings, dass es auf den Kanaren schon 764  Apotheken gibt und nun die entsprechende Kammer angekündigt hat, 100 weiteren die Konzession zur Neueröffnung geben zu wollen.



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