(12/07 N°17) In diesem Herbst organisierte der gemeinnützige Verein für ökologischen Landbau auf Lanzarote „La Tanganilla“ einen Kurs „Biologischen Gemüsebau unter den besonderen Bedingungen von Lanzarote“. Das Cabildo von Lanzarote finanzierte den Kurs.
Die Bauern von „La Tanganilla“ verkaufen ihr ökologisch angebautes und zertifiziertes Gemüse samstags auf den Märkten in Haría und Tías. Alle Betriebe, die zur Anbauervereinigung gehören, sind als biologisch wirtschaftende Betriebe beim Landwirtschaftsministerum eingetragen und werden regelmässig von Experten des Ministeriums vor Ort auf Einhaltung der Richtlinien kontrolliert. Die Anerkennung als ökologisch wirtschaftender Betrieb wird nach den Inspektionen jährlich erneuert.
Ziel des Kurses war, die Kenntnisse der ökologisch wirtschaftenden Bauern zu ergänzen und Neulingen auf diesem Gebiet das nötige Rüstzeug mit auf den steinigen und heissen Weg eines Gemüsebauers auf Lanzarote zu geben.
Die 12 Stunden Theorie fanden in der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Tahiche statt. Das Cabildo von Lanzarote stellte dort dankenswerterweise einen kleinen Tagungsraum mit Tafel, Overheadprojektor und ausreichend Platz für die bis zu 45 Teilnehmer zur Verfügung. Für die praktischen Übungen von Mitte September bis Ende November standen die Felder eines Ökobauern in El Mojon zur Verfügung. Jedes Wochenende trafen sich dort die Teilnehmer des Kurses und lernten in verschiedenen, nach Vorkenntnissen aufgeteilten Gruppen die Praxis des ökologischen Gemüsebaus auf Enarenados (das sind die mit Lavaasche abgedeckten Felder).
Als Lehrer fungierte Dipl. Ing. Agr. Wolfgang Scherzer, der über 20 Jahre praktische Erfahrung in ökologischer Landwirtschaft und ökologischem Gartenbau besitzt, davon 12 Jahre auf Lanzarote. Er hat die deutschen Ausbildungsberechtigungen für Landwirtschaft und Gemüsebau.
Die Theorie soll sich eng an die Praxis anlehnen. Mit rein theoretischem Wissen kann man kein Gemüse anpflanzen. Deshalb sind Fachbücher nicht besonders ergibig, man muss mit den Händen lernen. Für den Lehrer heisst das, wissenschaftlichen Hintergrund und gärtnerisches Grundwissen so aufzubereiten, dass das Erklärte und Gelernte direkt in der Praxis umgesetzt werden kann. Zu Beginn des theoretischen Teils wurden die wesentlichen Unterschiede zwischen ökologischem, konventionellem und traditionellem Landbau dargestellt. Der traditionelle Landbau ist besonders auf Lanzarote durch die speziellen Anbauformen mit Mulchschichten aus Lavaasche oder Sand über dem Ackerboden noch weit verbreitet. In ihrem Ursprung ähnelt die traditionelle Landwirtschaft der ökologischen, bedient sich aber nicht der modernen, zeitgemässen landwirtschaftlichen Techniken.
Auf den hiesigen Feldern lassen sich konventionelle und traditionelle Landwirtschaft durch blosses Hinsehen nicht mehr auseinander halten: Der Bauer, den man mit Esel und der traditionellen Tanganilla (einer speziellen, einfachen Sävorrichtung für Linsen, Erbsen, Bohnen, Kichererbsen u.a.) auf den Feld sieht, kann sehr wohl zur Bodenvorbereitung einen Traktor verwendet haben und hinterher Kunstdünger streuen und Chemie einsetzen. Auch vor und nach der so archaisch anmutenden Zwiebel- oder Kartoffelpflanzung per Hand wird reichlich Chemie eingesetzt. Der grösste Teil der hier verwendeten Pflanzkartoffeln kommt aus England und ist mit Chemie behandelt.
Sobald es geregnet hat, werden wir auf dem Feld mit der Tanganilla und einer etwas moderneren Sämaschine arbeiten.
Grossen Wert legten wir im Kurs auf das Verständnis der Nährstoffkreisläufe im ökologischen Landbau: Im Idealfall sollte eine ökologische Landwirtschaft ohne Nährstoffzufuhr von aussen auskommen, die Nährstoffe für die Pflanzen werden über Mist und Pflanzenreste in Form von Kompost, über Leguminosenanbau (Hülsenfrüchte) und über Gründüngung bereitgestellt. Hier auf Lanzarote versuchen wir, die Komposte aus Ziegenmist, aus Trester, aus Pflanzenresten von Garten und Feld, aus Blättern vom Feigenkaktus und anderen nicht chemisch behandelten pflanzlichen Materialien herzustellen. Wir haben verschiedene Komposte betrachtet, zur Herstellung eines Übungskomposts fehlt zum Sommerende leider das Material.
Einen wichtigen Platz in der Theorie nahmen die Fruchtfolgen ein. Fruchtfolgen dienen dazu, den Boden nicht einseitig zu beanspruchen, den unterschiedlichen Bedürfnissen der jeweiligen Gemüsekulturen gerecht zu werden und vor allem Befall mit Krankheiten und Schädlingen weitgehend zu vermeiden.
Ein anderes Kapitel war dem Saatgut gewidmet: welche verschiedenen Formen von Gemüsesamen gibt es, wo kann man Saatgut aus ökologischer Erzeugung kaufen, welche Keimfähigkeit und maximale Lagerdauer haben die verschiedenen Gemüsesamen, wieviel Gramm Samen braucht man für eine bestimmte Anzahl von Jungplanzen und vieles mehr. Wenn man die Anzahl der benötigten Jungpflanzen für 100 Quadratmeter berechnen will helfen einem die Garten- und auch die Fachbücher nicht weiter, die Pflanzabstände auf Lanzarote sind durch den Picon und das trockene Klima durchweg abweichend von denen im normalen konventionellen und ökologischen Gemüsebau.
Im praktischen Teil des Kurses lag der Schwerpunkt vor allem bei der Anzucht von Jungpflanzen. Die traditionellen Gemüsekulturen auf Lanzarote werden fast durchweg ohne Jungpflanzenanzucht kultiviert, z.B. Mais, Zucchini, Kürbis, Erbsen, Bohnen, Linsen werden direkt ins Feld gesät. Lediglich Zwiebeln und Tomaten werden in einem Saatbeet vorgezogen. Wer Salat, Blumenkohl, Broccoli, Kohlrabi und andere Feingemüse anbauen will, kommt mit der traditionellen lanzarotensischen Jungpflanzenanzucht auf keinen grünen Zweig.
Wir kennen aus den Gärtnereien und Gartencentern die Multitopfplatten, in denen die Gemüsejungpflanzen auch auf Lanzarote zeitweise zum Verkauf angeboten werden. Im ökologischen Landbau dürfen diese Pflanzen nicht verwendet werden da die Samen chemisch behandelt sind und die Pflänzchen mit dauernden Mineraldüngergaben möglichst schnell auf Verkaufsgrösse gebracht werden. Der Ökobauer auf Lanzarote muss seine Jungpflanzen selber anziehen.
Gemüseaussaaten müssen auf Lanzarote durchgehend schattiert und vor Wind geschützt werden. Normalerweise sind Anzuchthäuser aufwendig und teuer. Wir bauten direkt am Feldrand eine schnell montierbare, äusserst billige und absolut sturmfeste Variante zum Schutz der Jungpflanzen auf. Wir sähten in unserer eigenen Erdmischung in Saatkisten aus und lernten dann das hier völlig unbekannte Pikieren von Sämlingen in Multitopfplatten. Nach sieben Wochen hatten wir etwa 15.000 kräftige Jungpflanzen produziert. Mit einsetzendem Winterregen pflanzen und sähen wir dann auf verschiedenen Feldern. Jeder Kursteilnehmer wird am Ende des Kurses ein Sortiment von Gemüsejungpflanzen aus ökologischer Erzeugung mit nach Hause nehmen können.
Für die nächsten Jahre stellen wir uns eine wohlorganisierte, zentrale Jungpflanzenanzucht für alle Ökobauern auf Lanzarote vor und wollen so die Produktion und das Angebot an ökologischem Gemüse vergrössern.
Für die nahe Zukunft planen wir ein weiteres Kursangebot für Forgeschrittene: Ein Kurs über den professionellen Anbau von Gemüse, hier werden die einzelnen Kulturen im Detail besprochen und einen zweiten über Krankheiten / Schädlinge und ihre Vermeidung / Bekämpfung im ökologischen Gemüse- Obst- und Weinbau. Den diesjährigen Basiskurs wiederholen wir voraussichtlich von Mitte September bis Ende November 2008.
Der Autor Wolfgang Scherzer studierte in Deutschland Gartenbau und tropische Landwirtschaft. Seit 12 Jahren arbeitet er als Gartenarchitekt, Gärtner und ökologischer Gemüsebauer auf Lanzarote.